• Was Chiles Jugend auf die Straße treibt Demonstrationen für freie Bildung gehen weiter

Wissen : Was Chiles Jugend auf die Straße treibt Demonstrationen für freie Bildung gehen weiter

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Nackte Verzweiflung. 85 Prozent der Studienkosten muss die Familie tragen. Foto: Reuters
Nackte Verzweiflung. 85 Prozent der Studienkosten muss die Familie tragen. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Seit Monaten besetzen sie Schulen und Universitäten und gehen auf die Straßen, zu Tausenden, zu Zehntausenden, manchmal zu Hunderttausenden. Nicht einmal Regen und Schnee konnten Chiles Schüler und Studenten davon abhalten, auch Ende vergangener Woche wieder für eine kostenlose öffentliche Bildung zu demonstrieren. Diesmal blieben Zusammenstöße zwischen vermummten Barrikadenbauern und Polizisten aus.

Doch die Lage ist festgefahren. Die Studierenden – unterstützt von Eltern und Lehrern – wollen ein neues Bildungsmodell. Die konservative Regierung unter dem Multimillionär und Unternehmer Sebastian Piñera reagierte zuerst mit Repression und machte dann drei Reformvorschläge. Der jüngste stellt für die Hälfte der bedürftigen Studenten verbilligte Kredite und Stipendien in Aussicht, hält jedoch am weitgehend privaten und kostenpflichtigen Bildungssystem fest.

Unterstützung erhielten die Studenten auch von der Schriftstellerin Isabel Allende. Strukturelle Reformen seien dringend nötig, sagte sie der Nachrichtenagentur dpa. Grund für die Krise sei die beschämende Ungleichheit. In Chile, dem Musterland des Neoliberalismus, ist die Schulbildung seit der Diktatur von Augusto Pinochet (1973–1990) dreigeteilt in einen leistungsstarken, teuren Privatsektor, in einen staatlich bezuschussten halb privaten Sektor und in einen unterfinanzierten, mangelhaften öffentlichen Sektor.

Studieren ist nach einer Studie der OECD fast nirgendwo auf der Welt so teuer wie in Chile – und das, obwohl die Verfassung das Geschäftemachen mit der Bildung verbietet. Bis zu tausend Dollar monatlich kostet ein Universitätsstudium, das ist das komplette Durchschnittseinkommen einer Mittelschichtsfamilie. Viele Chilenen verschulden sich mit einem Studium auf Jahrzehnte. 85 Prozent der Kosten für ein Studium tragen die Familien, 15 Prozent der Staat.

„Das Reformpaket ist zwar ein Fortschritt, lässt aber noch viele Fragen offen. Gewinnstreben als Ziel der Bildung wird weiterhin legitimiert, und es ist nicht klar, wie der Staat die Verantwortung und Garantie für die öffentliche Bildung übernimmt“, sagte die Vorsitzende des Studentenverbandes der Universität von Chile, Camila Vallejo. Die Jugendlichen fordern dasselbe, was sie vor Jahren schon von Piñeras Vorgängerin Michelle Bachelet verlangten: ein stärkeres Engagement des Staates in der Bildung und das Ende eines Modells, in dem Gewinnmaximierung im Vordergrund steht.

Die Debatte um die Bildung steht auch für ein tieferliegendes Unbehagen der chilenischen Bevölkerung mit einem Wirtschaftsmodell, das zwar Wachstum und Arbeitsplätze geschaffen hat, aber das soziale Netz durchlöchert und den Graben zwischen Arm und Reich vertieft hat. Die Chilenen fühlten sich hintergangen und enttäuscht von der Demokratie, die sich nicht um ihre Anliegen kümmere, sagte der oppositionelle, christdemokratische Ex-Präsident Eduardo Frei. Während seiner Regierungszeit hatte er das Thema allerdings auch nicht angepackt.

Das Unbehagen der Bevölkerung äußert sich spontan und lässt sich nicht von Parteien vereinnahmen. So hinterließen Hacker auf den Internetseiten des Senats und Politikern aller Couleur Botschaften wie diese: „Das ist für die 20 Jahre Unfähigkeit, in denen ihr nicht die Erblasten der Diktatur beseitigen konntet.“

Die Zustimmungsrate zu Piñeras Politik ist seit den Protesten auf 26 Prozent gesunken. „Drei Monate lang Demonstrationen, und die Regierung versucht die Studenten noch immer mit billigen Zugeständnissen abzuspeisen“, kritisiert die Soziologin und Meinungsforscherin Marta Lagos. Allerdings scheint die Zeit auch den Studierenden davonzulaufen. Auch wenn Umfragen zufolge drei Viertel der Chilenen mit den Anliegen der Jugend sympathisieren, wünschen sich 54 Prozent ein baldiges Ende des Konflikts. Sandra Weiss

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