Was den Deutschen wichtig ist : Jammern ist von gestern

WZB-Präsidentin Jutta Allmendinger über die Ergebnisse der Studie „Das Vermächtnis. Die Welt, die wir erleben wollen“.

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Laut der der Vermächtnisstudie begegnen die Deutschen den vielen Veränderungen in der Welt relativ gelassen.
Laut der der Vermächtnisstudie begegnen die Deutschen den vielen Veränderungen in der Welt relativ gelassen.Foto: Getty Images

Was wollen die Menschen in Deutschland den kommenden Generationen mitgeben und bewahrt wissen? Von was wollen sie sich trennen? Diese Fragen bilden den Kern der Vermächtnisstudie, die gemeinsam vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, dem infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft und der Wochenzeitung „Die Zeit“ konzipiert und durchgeführt wurde. Über 3100 Menschen im Alter zwischen 14 und 80 Jahren wurden in ganz Deutschland befragt.

Was verraten uns ihre Antworten, etwa über die Zukunftswünsche der Menschen oder die Rolle des Alters, der Generationenzugehörigkeit und der heutigen sozialen Spaltung in unserer Gesellschaft? Welche Bedeutung haben die vielen Gesichter von Armut, Reichtum und Geschlecht? Wie möchten die Menschen morgen arbeiten und wie gehen sie mit neuer Technik um? Welche Familienmodelle erhoffen sich die Menschen? Wie steht es um ihre Vorstellungen von Solidarität? Die Antworten auf all diese Fragen erzählen uns vom Gesellschaftsentwurf der Befragten und helfen uns zu verstehen, in welchen Bereichen politische Reformen angemessen und erforderlich sind.

Jedes dieser Themen haben wir in unserer Studie anhand dreier Fragen erschlossen: Wie ist es heute? Wie soll es werden? Wie wird es sein? Schon allein die Betrachtung der nach Themen getrennten Antworten ist aufschlussreich. Richtig interessant wird es, wenn wir sie miteinander vergleichen.

Wunsch nach mehr Gemeinschaft

Schauen wir etwa auf das Hier und Jetzt, dann treten drei Bereiche klar hervor: Zusammengehörigkeit, Gesundheit und Erwerbstätigkeit. Diese Themen sind allen Menschen wichtig, egal ob alt oder jung, arm oder reich, Frauen oder Männern, ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Bei vielen anderen Bereichen gehen die Meinungen aber weit auseinander. Nehmen wir das politische Interesse, wo sich riesige Unterschiede auftun: Während sich junge Leute und Menschen mit niedriger Bildung für Politik herzlich wenig interessieren, steht das Thema hoch im Kurs bei Älteren und gut Gebildeten – ganz ähnlich übrigens die Themen Ehe und Familie, technologischer Wandel oder Umwelt.

Richten wir den Blick auf das Vermächtnis der Menschen: Bei einigen Themen ändert sich gar nichts; andere, die man heute schon schätzt, legt man den kommenden Generationen besonders ans Herz. So sprechen sich die Menschen mit Blick auf die Zukunft noch stärker für Gemeinschaft, Gesundheit und Erwerbstätigkeit aus. Andere Bereiche – so etwa eine nachhaltige Lebensweise oder die partnerschaftliche Aufteilung von Berufs- und Haushaltsaufgaben – sind den Menschen selbst nicht besonders wichtig. Gleichzeitig betonen sie aber, dass sie es eigentlich sein sollten.

Wie steht es um die Erwartungen über die Zukunft? Gefragt, wie diese wohl tatsächlich sein wird, vergeben die Menschen bei den meisten Themen deutlich niedrigere Werte. Die Menschen erwarten beispielsweise, dass Nähe und Zusammengehörigkeit, Gesundheit oder Erwerbsarbeit weniger wichtig sein werden, als sie es sich wünschen würden. Das Beruhigende: Panisch werden die Menschen ob dieser Aussicht aber nicht.

Die Deutschen üben Selbstkritik

Betrachten wir gleichzeitig, wie die Menschen das Hier und Heute, das Vermächtnis und die Zukunft sehen, so können wir aus dieser Zusammenschau bereits einige wichtige Erkenntnisse ableiten.

Zunächst verbindet das Vermächtnis die Menschen. Ihre Empfehlungen an die kommenden Generationen weichen viel weniger voneinander ab als ihre Einstellungen zum Heute. Die Menschen haben eine gemeinsame Vision darüber, wie das Leben und das Land, in dem sie leben wollen, aussehen sollte – unabhängig von ihrem sozialen und ethnischen Hintergrund, ihrer Bildung, ihrem Erwerbsstatus, ihrem Geschlecht und ihrer familiären Situation. Sie haben ähnliche Vorstellungen davon, wie Bildungschancen verteilt, der Sozialstaat organisiert und welche Rolle Technik in unserem Leben spielen sollte. Das ist ein wichtiger Befund, denn: Obwohl sich heute viele Menschen durch die zweifellos große soziale Ungleichheit abgehängt fühlen, verbindet sie die gemeinsame Idee einer guten Zukunft.

Ein weiteres bedeutendes Ergebnis: Die Menschen in Deutschland üben Selbstkritik. Die eigenen Einstellungen werden nicht einfach über alle Themen hinweg gleichermaßen weitergegeben. So liegen bei allen Fragen, die sich mit dem Lernen befassen, die Einstellungen heute und die Empfehlungen an die kommenden Generationen weit auseinander. Die Menschen wissen etwa, dass sie sich stärker für Technik, Politik und Kultur interessieren sollten. Sie legen dies den kommenden Generationen ans Herz. Gleichzeitig sehen sie, dass sie selbst diese Erwartungen oft nicht erfüllen. Wobei sie dann wiederum überzeugt sind, es immer noch besser hinzubekommen als ihre Zeitgenossen.

Wir sehen keine Hysterie

Was gesellschaftliche Prozesse anbelangt, äußern die Menschen klare Erwartungen, beurteilen aber die einzelnen Themenbereiche sehr unterschiedlich. So ist Erwerbsarbeit den Menschen äußerst wichtig: In ihrem Vermächtnis formulieren fast alle den Wunsch, dass sie auch weiterhin einen hohen Stellenwert haben soll. Trotzdem sehen die Menschen deutliche Veränderungen in der Arbeitswelt am Horizont: Sie wird weniger sicher und kalkulierbar sein. Anders sind die Einschätzungen beim Thema Familie. Auch, weil die „Normalfamilie“ schon nicht mehr das Maß der Dinge ist und vielfältige Modelle gelebt werden. Jeder dieser Entwürfe wird von den Menschen so geschätzt, dass er in ihren Augen auch der nachfolgenden Generation vermacht werden soll.

Der Blick in die erwartete Zukunft zeigt daher keinen kollektiven Bruch wie bei der Erwerbsarbeit. Vielfalt und Pluralität dominieren. Auch im Bereich der Technik wissen die Menschen, dass sie sich bewegen müssen, um mit der dynamischen Entwicklung Schritt zu halten. Das bedeutet: sich weiterbilden, sich anstrengen, sich interessieren. Doch die Technik wird sich schneller ausbreiten als gewünscht – eine Überforderung der Menschen zeichnet sich ab.

Dennoch: Die Menschen in Deutschland sind keine Jammerlappen. Die Vermächtnisstudie belegt das an vielen Beispielen. Allein ihre Offenheit für Neues und ihre Fähigkeit zur Selbstreflektion zeigen, dass sie den vielen Veränderungen in der Welt relativ gelassen begegnen. Auch in dem, was die Menschen in Zukunft erwarten, sehen wir keine Hysterie. Es kommt nicht immer so, wie es sich die Menschen wünschen, aber es wird auch nicht ganz schlecht. Dies sagen sogar jene, denen es heute nicht so gut geht. Von Resignation keine Spur. Die Menschen scheuen sich nicht zuzugeben, Hilfe zu brauchen. Wichtiger noch: Sie sind prinzipiell offen dafür, neue Wege zu gehen.

Die Autorin ist seit 2007 Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) und Professorin für Bildungsoziologie und Arbeitsmarktforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie seit 2012 Honorarprofessorin für Soziologie an der Freien Universität Berlin.

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