Wissen : Was der Blick verrät

Die Iris jedes Menschen ist so einzigartig wie sein Fingerabdruck. So lesen Automaten aus unseren Augen

Frank Schubert

Yahya Jammeh, der Präsident von Gambia, besitzt außergewöhnliche Fähigkeiten. Wenn er einer Person in die Augen blickt, kann er genau vorhersagen, wann sie stirbt. Zumindest behauptet er das.

Ob man das Schicksal eines Menschen tatsächlich aus seinen Augen lesen kann, sei einmal dahingestellt. Auf jeden Fall kann man damit aber seine Identität feststellen. Und zwar zweifelsfrei. Denn unter der Hornhaut befindet sich die Iris, auch Regenbogenhaut genannt. Ihr Muster ist bei jedem Menschen anders.

„Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei verschiedene Augen exakt die gleiche Iris aufweisen, liegt bei eins zu zehn hoch 78“, sagt Christoph Hampe, Sicherheitsexperte bei der Firma Bosch. Zehn hoch 78 – das ist eine Eins mit 78 Nullen. Mit anderen Worten: Es kann als gesichert gelten, dass jedes Auge seine eigene, unverwechselbare Regenbogenhaut besitzt.

Genau hier setzt die biometrische Methode der Iriserkennung an. Ihr Prinzip: Von der Regenbogenhaut einer Person wird ein Foto gemacht. Ein Computerprogramm analysiert dieses Foto und erkennt darauf charakteristische Muster. Das Programm verschlüsselt diese Muster in Form einer Zahlenreihe und speichert sie ab. Von nun an „kennt“ das Programm die Iris dieser Person und kann sie jederzeit wiedererkennen.

„Die Methode ist sehr zuverlässig“, sagt Alexander Lau von der Firma Byometric Systems AG Iris Security. Studien hätten gezeigt, dass die menschliche Iris vom 18. Lebensmonat bis kurz nach dem Tod unverändert bleibt. Sie enthält Muskeln, Äderchen und Pigmente, die sich zu hochkomplexen Strukturen wie Fasern, Flecken, Narben, Furchen oder Streifen anordnen. Diese Strukturen bilden sich während des frühkindlichen Wachstums absolut unregelmäßig heraus – ein Prozess, der chaotische Morphogenese genannt wird. Das Ergebnis ist bei jedem Auge einzigartig. Deshalb unterscheiden sich auch die beiden Augen ein und derselben Person in ihrer Regenbogenhaut.

„Oft wird vom Iris-Scan gesprochen – ein Irrtum“, erläutert Hampe. Denn bei der Bildaufnahme würde die Regenbogenhaut eben nicht gescannt, sondern schlicht fotografiert. Auch die verbreitete Annahme, das Auge würde dabei mit Laserstrahlen traktiert, sei falsch. Um das Sehorgan nicht zu irritieren, beleuchte der Apparat die Iris lediglich mit einem schwachen Lichtblitz und mit Infrarotstrahlung, die wir nicht wahrnehmen können.

„In letzter Zeit geht man dazu über, keine einzelnen Bilder mehr, sondern Videosequenzen von der Regenbogenhaut aufzunehmen“, erklärt Lau. Daraus könne man mehr Informationen ableiten als aus Einzelaufnahmen. Ein mathematischer Algorithmus erkennt die inneren und äußeren Begrenzungen der Iris, berücksichtigt die Kontraktionen der Pupille, unterdrückt Wimpern und Lichtreflexe im Bild, analysiert die Bildstruktur und speichert die Irismerkmale in einer Zahlenreihe ab – alles in wenigen Sekunden. Steht derselbe Nutzer später wieder vor dem Apparat, beginnt das Prozedere von vorn. Die Zahlenreihe, die dabei herauskommt, wird mit der ersten Zahlenreihe verglichen. Wenn beide zu mindestens 68 Prozent übereinstimmen, entscheidet das System, dass es sich um denselben Nutzer handelt. Bisher sei noch kein Fall bekannt geworden, in dem die Methode jemanden verwechselt hätte, sagt Hampe.

Die Firma Bosch hat, unterstützt von der Bundesregierung, die Iriserkennung bereits auf dem Frankfurter Flughafen zur automatischen Grenzkontrolle eingesetzt. Die Reisenden gehen in eine Art Schleuse und stellen sich dort vor einem Apparat auf, der aus etwa einem halben Meter Entfernung ein Irisfoto aufnimmt. Ein anderes Gerät untersucht den Pass. Das System entscheidet dann in wenigen Sekunden, ob die Person passieren darf oder nicht. Polizisten müssen im Regelfall nicht hinzugezogen werden. „Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht“, sagt der Sicherheitsexperte Hampe. Etwa 90 Prozent der Reisenden kämen auf diese Weise vollautomatisch und schnell über die Grenze, und das bei gleichbleibendem oder höherem Sicherheitsniveau.

Lässt sich die Iriserkennung überlisten? „Theoretisch ja – mit Kontaktlinsen, auf die ein falsches Irismuster aufgedruckt ist“, sagt Hampe. Die Wahrscheinlichkeit, dass solch ein Betrug gelingt, sei aber minimal. Denn Kontaktlinsen könnten sich auf dem Augapfel verschieben, im Gegensatz zur echten Iris – und die Technik sei mittlerweile in der Lage, das zu registrieren.

„Momentan wird an der Lebenderkennung geforscht“, erzählt Lau. Dabei soll das Iris-Erkennungssystem untersuchen, ob die Regenbogenhaut pulsiert, wie es bei lebendem Gewebe der Fall ist. Helfen können hier mathematische Verfahren wie die Fourieranalyse, die aus Veränderungen in den Videoaufnahmen die Pulsfrequenz der Iris ermittelt. Betrugsversuche mit künstlichen Iriden wären damit von vornherein zum Scheitern verurteilt oder müssten extrem aufwendig betrieben werden.

„In den letzten drei Jahren sind die Kosten für Iriserkennungssysteme dramatisch gesunken, und ihre Technik ist weitgehend ausgereift“, sagt Lau. Mittlerweile könne man solche Anlagen jedermann anbieten. Er geht davon aus, dass die Iriserkennung sich künftig weit verbreiten wird. „Sie ist als Zugangskontrolle praktisch überall einsetzbar – zum Öffnen von Türen, an Geldautomaten, auf Flughäfen oder an Computern.“

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