Was Leseschwachen wirklich hilft : Legasthenie ist keine Krankheit

Leseschwache benötigen weder Medikamente noch Prismenbrillen, sondern eine pädagogische Förderung. Legasthenie als Krankheit anzusehen, hilft den Betroffenen nicht weiter.

Renate Valtin
Kindern mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten wird in der Schule oft nicht geholfen. Sei es, weil Lehrkräfte ihre Probleme nicht erkennen, oder weil Förderkurse fehlen.
Kindern mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten wird in der Schule oft nicht geholfen. Sei es, weil Lehrkräfte ihre Probleme nicht...Foto: picture alliance / JOKER

Seit Jahrzehnten streiten sich Mediziner und Pädagogen darum, ob es sinnvoll ist, Legasthenie als Krankheit anzusehen. In den Augen der Mediziner galt bislang, dass sechs bis acht Prozent aller Kinder und Jugendlichen von einer Störung im Lesen und oder Rechtschreiben betroffen sind. Nun haben die Mediziner nachgelegt: In der neuen ärztlichen Leitlinie „Diagnostik und Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Lese- und/oder Rechtschreibstörung“ beziehungsweise Legasthenie wird der Kreis der Patienten erheblich erweitert.

Berufsverbände sichern sich Arbeitsfeld

Bislang galten nur jene Kinder als Legastheniker, bei denen eine Diskrepanz zwischen schwachen Lese-Rechtschreib-Leistungen und guter Intelligenz besteht. Nun wird auch allen Kindern eine „Störung“ bescheinigt, die mit ihren Leistungen erheblich unter der Altersnorm liegen, unabhängig von der Intelligenz. Neben der Abweichung von der Altersnorm wird aber weiterhin auch an der IQ-Diskrepanz festgehalten. Dass sich diese Kriterien widersprechen, wird in der Leitlinie nicht thematisiert. Jedenfalls kann nun gut einem Viertel aller Personen eine Legasthenie bescheinigt werden, sofern sie denn zum Arzt gehen. Legasthenie galt schon in der Vergangenheit als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.

Für Nichtmediziner drängt sich der Eindruck auf, dass sich mit der Leitlinie interessierte Berufsverbände durch die großzügigen Definitionen ein noch breiteres Arbeitsfeld als bisher sichern.

An der Erstellung der Leitlinie waren an die dreißig Fachgesellschaften unterschiedlicher Disziplinen beteiligt. Allerdings haben schließlich Organisationen, die sich mit pädagogischen und sprachwissenschaftlichen Aspekten von Lesen- und Schreibenlernen befassen, ihre Zustimmung verweigert, unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, die Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft und der Philologenverband.

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