Was Träume bedeuten : Von Zucchini und Tunneln

16.10.2011 02:10 UhrVon Silke Weber
Illustration für den Tagesspiegel: Andree Volkmann
Illustration für den Tagesspiegel: Andree Volkmann

Frauen träumen anders als Männer. Das hat mit Sex zu tun, glaubte Freud. Heute haben Forscher neue Erklärungen. Wir träumen von dem, was uns im Alltag beschäftigt.

Raschelnde Laken, keuchendes Atmen, das erotische Glück in Männerträumen kannte schon der Dichter Heinrich Heine. Eines Morgens vor fast 200 Jahren notierte er seine wilden Fantasien. „Im Traum“, schrieb er, wollte er sich „an der schmutzigen Magd laben“, obwohl er „die allerschönste Prinzessin“ hätte nehmen können. Studien belegen, Männer schwelgen auch tagsüber häufiger in sexuellen Fantasien als Frauen. Die Gedanken wandern bis ins Traumreich und mit ihnen eine Schar feiner Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Denn Männer und Frauen träumen anders, sagt Michael Schredl, Leiter des Schlaflabors im Mannheimer Zentralinstitut für seelische Gesundheit und einer der weltweit führenden Traumforscher.

Hat die Emanzipation unser Unbewusstes also noch immer nicht erreicht?

Folgt man Schredl und den Vertretern der Kontinuitätshypothese, schläft das Bewusstsein nie. Träume sind die Verlängerung unseres Tagmenschen-Daseins, nicht etwa geheime Instanz oder fremde Parallelwelt. In ihnen kommt vor, was uns auch im Alltag beschäftigt.

Nicht alle Experten sehen das so. Einige Neurowissenschaftler halten Träume für ein bedeutungsloses Nervengewitter im Kopf; Hirnforscher sagen, der Traum festige Erlerntes; Psychologen wiederum meinen, Träume dienen Problemlösungen. Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse, entdeckte schon vor gut 100 Jahren die Traumwelt für die Wissenschaft, doch brachte er sie sogleich in Verruf: als Senkgrube libidinöser Fantasien, Wegbahner verborgener Wünsche, als Flüstern des Unbewussten.

Im Sommer 1895 therapierte Freud eine junge Frau namens Irma. Im Schlaf begegnet er ihr wieder und notiert nach dem Erwachen den „Traum von Irmas Injektion“, er wird Grundlage seiner Theorie der Traumdeutung werden: Ein Arzt hatte Irma, „als sie sich unwohl fühlte, eine Injektion gegeben mit einem Propylpräparat ... (dessen Formel ich fett gedruckt vor mir sehe) ... Man macht solche Injektionen nicht so leichtfertig ... Wahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein“. Der Wiener Arzt und Psychologe bemerkte, dass sich daraufhin Ungeahntes in ihm regte. Wach habe er sich die Gefühle für Irma nie eingestanden. Spritze ist gleich langes, hartes Ding. Und die Injektion. Ganz eindeutig symbolische Verschlüsselung des Geschlechtsaktes.

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