Was WISSEN schafft : Die Wahrheit jagt den Weihnachtsmann

Kinder haben ein Recht auf den Mann mit dem roten Mantel.

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Wenn ausgerechnet in einer Familiensendung zur Adventszeit der Weihnachtsmann madiggemacht wird, dann ist der Ärger groß. Solches geschah am Sonntag beim beliebten „Märchenrätsel“ des RBB. Die Moderatorin fragte Kinder im Studio, ob sie in den Schränken nach von ihren Eltern versteckten Weihnachtsgeschenken suchen würden, enttarnte damit den Weihnachtsmann als Schwindel – und erntete prompt heftige Proteste erzürnter Erziehungsberechtigter.

Mit ihrem Hang zu Entzauberung und Ehrlichkeit steht die RBB-Moderatorin nicht allein. In der britischen Medizinerzeitschrift „Lancet Psychiatry“ erörtern die Psychologen Christopher Boyle und Kathy McKay die Frage, ob Eltern ihre Kinder anlügen dürfen. Aufgehängt ist das Ganze an der Geschichte vom Weihnachtsmann. Denn werden nicht ausgerechnet kurz vor dem Fest der Liebe die schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft systematisch mit zweifelhaften Informationen gefüttert? Boyle und McKay sorgen sich um das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern. „Alle Kinder werden herausfinden, dass sie jahrelang systematisch angelogen wurden, und das könnte sie auf die Frage bringen, welche anderen Lügen ihnen aufgetischt wurden“, schreiben sie.

Tatsächlich sind kleine Kinder darauf angewiesen, den Erwachsenen zu glauben. Zum Beispiel, dass man die Finger von heißen Herdplatten lässt und dass man an der roten Fußgängerampel unbedingt stehen bleiben muss. Wären Kleinkinder weniger leichtgläubig, würden sie sich nicht nur weit stärker in Gefahr bringen, sie könnten auch nicht so schnell so viel lernen. Man müsse also auch moralisch hinterfragen, was man anrichtet, wenn man Figuren wie den Weihnachtsmann, das Christkind oder den Nikolaus ins Spiel bringt, meinen die „Lancet“-Autoren.

Tatsächlich muss man differenzieren, wenn es um Geschichten und Rituale rund um die Weihnachtszeit geht. Zunächst, weil Nikolaus (und Santa Claus) in der Person des freigiebigen Bischofs von Myrna einen historischen Kern haben. Weil es also eine Sachgeschichte zu erzählen gibt, die ohne übernatürliche Zutaten auskommt und sich nicht auf den kurzen Beinen der „Lüge“ bewegt. Es steht auf einem anderen Blatt, dass die daraus abgeleitete Figur es schafft, die Gesetze von Raum und Zeit zu überwinden, indem sie ganz konkret an einem Tag alle Kinder gleichzeitig mit ihren Gaben beglückt und dafür womöglich noch durch enge Kamine schlüpft und auf einem Schlitten durch die Luft fliegt.

Man kann die Legende vom Weihnachtsmann auch ein schönes Märchen nennen. „Kinder brauchen Märchen“, meinte der Psychoanalytiker Bruno Bettelheim. Selbst Richard Dawkins, Autor des Manifests „Der Gotteswahn“ und scharfer Kritiker jeglichen Versuchs, „einem Kind den Glauben an Übernatürliches einzupflanzen“, nimmt Märchen und Mythen von dem Vorwurf aus. Die Geschichte vom Weihnachtsmann sei eine „wertvolle Lektion“, gerade weil jedes Kind irgendwann gewitzt genug ist, sie zu entlarven, und daraus lernt, „dass nicht alle Dinge, die ihm erzählt werden, wahr sind“. Erziehung zur Skepsis mit dem Weihnachtsmann.

Erst mit zwölf Jahren, so meinte der Psychologe Jean Piaget, unterschieden Kinder zwischen Realität und Fiktion. Das sehen Forscher heute anders. Die Psychologen Jacqueline Woollen und Maliki Ghossainy attestieren schon kleineren Kindern „naive Skepsis“. Und die Kognitionswissenschaftler Andrew Shtulman und Rahel Yoo merken an, dass kleinen Kindern nicht der kritische Verstand fehlt, wohl aber die Fähigkeit, zwischen Unwahrscheinlichem und Unmöglichem zu unterscheiden. Zudem hängen sie an Geschichten, die gute Gefühle wecken. Die Forscher befragten Kinder zwischen drei und neun Jahren zum Weihnachtsmann, an den sie alle noch mehr oder weniger glaubten. Je älter die Kinder waren, desto stärker suchten sie nach rationalen Erklärungen für dessen Fähigkeiten.

Ein Kind schrieb, Santa Claus habe Überwachungskameras installiert – und hat den problematischsten Punkt getroffen: dass der Mann mit dem roten Mantel erdumspannend darüber informiert sein soll, wer im vergangenen Jahr „brav“ war. Und dass er Größe und Anzahl der Geschenke danach bemisst. Das kann zum Druckmittel werden. Wo doch jedes Kind früher oder später merkt, dass eher eine Beziehung zwischen sozioökonomischem Status seiner Eltern und Größe der Gaben besteht. „Santa ist jedenfalls kein Sozialist“, stellen Boyle und McKay fest. Die Überschrift „Eine wundervolle Lüge“ geben sie ihrem Essay bei aller Kritik aber doch. Zu Recht: Erwachsene geben sich unglaubliche Mühe, die Fiktion glaubhaft zu gestalten. Um das Leben ihrer Kinder zu bereichern. Ein Liebesbeweis.

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