Weg von der Politik, hin zum Privaten : Studierende als Kunden

Viele wollen nur im Kleinen das Beste für sich herausholen. Was würde Humboldt wohl dazu sagen?

Wilfried Schubarth
„Mehr Geldautomaten auf dem Campus“. Das politische Engagement vieler Studierender zielt bloß auf die Befriedigung persönlicher Alltagsbedürfnisse, darunter auch veganes Mensa-Essen, meint unser Autor.
„Mehr Geldautomaten auf dem Campus“. Das politische Engagement vieler Studierender zielt bloß auf die Befriedigung persönlicher...Foto: imago

„Mehr veganes Essen in der Mensa“, „Weg mit den Anwesenheitslisten!“, „Mehr Geldautomaten auf dem Campus“ – so lauteten letztens einige Wahlkampfforderungen von Studierenden. Nein, keine Forderungen gegen die noch immer zu schlechten Studienbedingungen, gegen die Unterfinanzierung der Hochschulen, gegen die Verschulung oder für mehr Qualität im Studium, stattdessen lieber mehr Essens- und Konsumqualität. Und: Jeder dritte Studierende will am liebsten Beamter werden – so eine aktuelle Umfrage.

Was ist bloß los mit der heutigen Studierendengeneration, wird sich so mancher fragen, vor allem die Alt-68er (West) oder die 89er (Ost), die für ihre Ideale noch gekämpft haben. Sicher es gibt sie noch, die Aktiven, Engagierten, ob bei den Demos gegen TTIP/Ceta, Rassismus oder bei der Flüchtlingshilfe. Doch deren Zahl ist überschaubar. Die Studierendenforschung beobachtet diesen Wertewandel „Weg von Politik und politischem Handeln und Hin zum Privaten“ seit geraumer Zeit. Von den 1980er Jahren bis heute sind das Politikinteresse und die politische Mitwirkung kontinuierlich gesunken. Augenfällig wird das alljährlich bei den Wahlen der Fachschaften, an denen sich gerade mal jeder zehnte Studierende beteiligt. Im Gegenzug haben im gleichen Zeitraum Familie, Eltern und Freunde deutlich an studentischer Wertschätzung gewonnen. Ein untrügliches Zeichen für einen Rückzug ins Private, ins vertraute Umfeld, um dort Halt und Geborgenheit in unsicheren Zeiten zu finden.

Die Universität wurde in einen Markt verwandelt

Der Wertewandel betrifft viele Bereiche, auch das Studium und dessen Stellenwert. Wenn Studierende zu Beginn des Semesters als Erstes danach fragen, wie viel Aufwand sie für die vorgegebenen Leistungspunkte betreiben müssen und sich dann Veranstaltungen mit dem geringsten Aufwand aussuchen, dann stellt sich die Frage, inwieweit die Universität noch eine – wörtlich – „Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden“ ist oder ob sie sich nicht allmählich in einen Markt, in eine Dienstleistungsanstalt verwandelt, bei dem vor allem der Tauschwert und der persönliche Nutzen interessiert. Was würde wohl Humboldt dazu sagen?

Sicher, das mögen Einzelmeinungen sein, diese wären aber noch vor Kurzem kaum vorstellbar gewesen. Und die Alltagsbeobachtungen passen zu den Langzeitbefunden der Arbeitsgruppe Hochschulforschung der Universität Konstanz: Danach haben Studium und Wissenschaft für viele Studierende keinen hohen Stellenwert. Vielmehr agieren Studierende in einer Kundenrolle, wobei viele in ihrer Hochschule nicht mehr den Lebensmittelpunkt sehen. Bei zwei Dritteln, die einem Neben- oder gar Hauptjob nachgehen, und geschätzten 15 Prozent „Teilzeitstudierenden“ ein nachvollziehbarer Befund.

Die Studienstrategie folgt dem Kosten-Nutzen-Kalkül

Das betriebswirtschaftliche Denken, das Kosten-Nutzen-Kalkül, das unsere Gesellschaft immer mehr durchdringt, ist somit auch bei den Studierenden angekommen und zu einer verbreiteten Studienstrategie geworden. Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann hat dafür den Begriff der „Egotaktiker“ geprägt. Diese würden die Welt nach taktischen Überlegungen abfragen, nach dem Motto „Was bringt mir das?“ Die heutige Generation sei eben pragmatisch, die das Beste für sich im Kleinen herausholen will, fernab von großen Visionen; auch aus der Erfahrung heraus, dass nichts mehr sicher ist. In den USA wird diese Generation der 15- bis 30-Jährigen „Generation Y“ genannt, wobei Y für das permanente Fragen nach dem „Warum“ steht. Die Sinnhaftigkeit und die „Work-Life-Balance“ sind für sie, die ersten Digital Natives, extrem wichtig. Ob sie, wie die Jugendforschung euphorisch behauptet, gar die „heimlichen Revolutionäre“ sind, die unsere Welt gravierend verändern werden, sei einmal dahingestellt.

Wenn wir es heute also mit einer eher unpolitischen, pragmatischen und egotaktischen Studierendengeneration zu tun haben, liegt es nahe, erstens nach den Hintergründen und zweitens nach den Folgerungen für die Hochschulen zu fragen.

Das Studium ist zum "Normalfall" geworden

Erstens: Aus Sicht der Hochschulsozialisation wird die Entwicklung der Studierenden von vielen Faktoren beeinflusst. Schauen wir uns nur kurz die Rahmenbedingungen des Studiums an, wie diese sich in den letzten 20 bis 25 Jahren verändert haben: So hat sich seit den 1990er Jahren eine regelrechte „Hochschulbildungsexpansion“ vollzogen. War Anfang der 1990er Jahre ein Hochschulstudium noch ein Privileg, das etwa jeder vierte bis fünfte Jugendliche genießen konnte, ist Studieren mittlerweile zum „Normalfall“ geworden. Die Studierendenzahl ist bis auf fast 2,8 Millionen (2015) angestiegen, während die Finanzierung der Hochschulen mit diesem Ansturm bei Weitem nicht Schritt hält.

Damit verbunden ist natürlich eine größer gewordene Heterogenität der Studierenden, da es einen Unterschied macht, ob eine auserlesene Minderheit oder ob die Hälfte eines Jahrganges in den Hörsälen und Seminaren sitzt. Fast parallel mit dem Anstieg der Studierendenzahl wird seit der Jahrtausendwende mit der Bologna-Reform der in der Geschichte der Hochschulen wohl größte Umbruch vollzogen. Diese vor allem unter der Professorenschaft ungeliebte Reform hat in kurzer Zeit die alte Studienstruktur in sogenannte Module mit Leistungspunkten überführt, die kleinteilig mit regelmäßiger Überprüfung zu absolvieren sind. Während die formale Umgestaltung in Bachelor- und Masterstrukturen weitgehend abgeschlossen ist (mittlerweile gibt es 18.000 Studiengänge), befindet sich die inhaltliche Reform, die auf eine neue Lehr-Lernkultur abzielt – trotz guter Ansätze – noch am Anfang. Weitere „Meilensteine“ des Wandels der Hochschulen sind die Einführung von Akkreditierungs-, Qualitätsmanagement- und Steuerungssystemen, die Fokussierung auf Forschungsexzellenz, Drittmittel, Rankings etc., womit sich die unterschiedliche Wertschätzung von Forschung und Lehre verstärkt hat. Die „Verbetriebswirtschaftlichung“ und Bürokratisierung hat einem ebensolchen Denken unter Studierenden (und auch Dozierenden) Vorschub geleistet. Und auch globale Prozesse wie die Ökonomisierung und Neoliberalisierung blieben nicht folgenlos. Insofern sind die Studierenden immer auch Seismograf und Spiegelbild gesellschaftlicher Entwicklungen.

Die Hochschulen müssten der "Verbetriebswirtschaftlichung" etwas entgegensetzen

Zweitens: Die Folgen, die mit dem Wertewandel der Studierenden unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen verbunden sind, müssen sich die Hochschulen wohl erst noch richtig bewusst machen. Beispiele für die schwierige Suche nach adäquaten Antworten sind der oft hilflose Umgang mit dem generellen Wegfall der Anwesenheitspflicht in Vorlesungen und Seminaren oder der Boom an Maßnahmen zum Studieneingang, um der wachsenden Heterogenität gerecht zu werden und die hohe Zahl der Studienabbrecher (geschätzt 100.000 pro Jahr) zu senken. Den Hochschulen wäre insgesamt angeraten, der „Verbetriebswirtschaftlichung“ und der „Entfremdung“ zwischen den Hochschulakteuren etwas entgegenzusetzen, nämlich die „Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden“ in einer Kultur der gegenseitigen Wertschätzung im Sinne einer umfassenden Bildung im „Medium Wissenschaft“. Schließlich hängt von der Bildung der heutigen Generation, ob nun Generation X,Y oder Z, – so Expertenmeinungen – nichts weniger als die Zukunft unseres Planeten ab.

Der Autor ist Professor für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Universität Potsdam. Der Text wurde für das Alumni Magazin der Universität Potsdam verfasst.

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