Wissen : Wegbereiter von Pisa

Zum Tode des Staatsrats a.D. Hermann Lange

Uwe Schlicht

Es gehört zu den Usancen der parlamentarischen Demokratie, dass fähige Politiker und herausragende Fachleute in der Verwaltung ihre Ämter verlieren, wenn eine neue Parteienkoalition das Sagen hat. Über ein Jahrzehnt war Hermann Lange die herausragende Persönlichkeit in der Hamburger Schulbehörde und der Wissenschaftsbehörde. Als Staatsrat für Wissenschaft und als Staatsrat für die Schulen hat er die Bildungspolitik in der Hansestadt so lange bestimmt, bis die Regierungskoalition aus CDU, FDP und der rechten Protestpartei um Ronald Schill im Jahr 2002 die Verantwortung übernahm. An die Spitze der Schulbehörde rückte für die FDP ein ehemaliger Konteradmiral mit dem Namen Rudolf Lange.

Damit war das Schicksal des Namensvetters Hermann Lange besiegelt: Einer der besten Kenner der deutschen Schullandschaft und jahrelanger Leiter der Staatssekretärsrunde in der Kultusministerkonferenz für die SPD-regierten Länder verlor sein Amt. Von dem in der Schulpolitik dilettierenden Konteradmiral hat man nichts mehr gehört. Den entlassenen Schulpolitiker Hermann Lange vermissen die deutschen Bildungsforscher schmerzlich, seitdem die Nachricht von Langes Tod bekannt wurde. Hermann Lange, der am 15. Januar gestorben ist, repräsentierte jene hohe Fachkompetenz in der Verwaltungspraxis, aber auch in der Bildungsforschung, auf die Senatoren und Minister in ihren Wahlämtern auf Zeit angewiesen sind, wenn sie sich nicht öffentlich blamieren wollen.

Es ist kein Wunder, dass die Elite der deutschen Bildungsforscher – seien sie im Max-Planck-Institut für Bildungsforschung oder am Frankfurter Institut für internationale Bildungsforschung und im deutschen Pisa-Konsortium vertreten – in einer Todesanzeige in der „Zeit“ folgende Würdigung ausgesprochen haben: „Hermann Lange war maßgeblich dafür verantwortlich, dass Bildungspolitik und Bildungsforschung in Deutschland seit Mitte der 1990er-Jahre wieder einen fruchtbaren Dialog führen. Im Rahmen seiner Arbeit in der Kultusministerkonferenz und als engagierter Förderer einer empirischen Wende in der Bildungspolitik ebnete er der Pisa-Studie den Weg.“

Heinz-Elmar Tenorth, Bildungshistoriker an der Humboldt-Universität, sagt über seinen Partner in der Schulpolitik: „Hermann Lange konnte mit Wissenschaftlern so reden, dass die Professoren mit ihren Theorien in der Beweislast waren.“ In der Kultusministerkonferenz hat Lange als Vertreter der SPD-regierten Länder keine Grabenkämpfe mit der CDU/CSU geführt. Er nutzte seine überragende Sachkompetenz und Autorität, um Konsensentscheidungen in der Oberstufenreform, aber auch bei der Durchsetzung der Pisa-Tests der OECD in Deutschland zu ermöglichen.

Jahrzehntelang hatte es die deutsche Bildungsforschung versäumt, das empirisch zu erforschen, was in den Klassenzimmern wirklich geschah und gelernt wurde. Lange überzeugte sowohl die Bildungsforscher als auch die Bildungspolitiker davon, wie wichtig die Pisa-Tests sind – gerade wenn Deutschland sich dem internationalen Vergleich mit den führenden Industrieländern der Welt in der OECD stellen will. Der Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft Jürgen Baumert und der Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth würdigen die Leistungen von Hermann Lange mit der Aussage, er habe ein Beispiel dafür geboten, dass „erst eine reflektierte Administration inspirierenden Ideen Stetigkeit und Wirklichkeit gibt“. Uwe Schlicht

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