Welt-Tuberkulose-Tag : Die weiße Pest kehrt zurück

Die Infektionszahlen der oftmals tödlichen Krankheit Tuberkulose steigen trotz Therapiemöglichkeiten weiter an - auch in Deutschland. Nur ein Impfstoff kann die Ausbreitung endlich stoppen. Ein Gastbeitrag.

Stefan H. E. Kaufmann
Eine Tuberkulose-Patientin liegt in Bangladesch im Krankenhaus. Die Medikamente gegen Tuberkulose dürfen nur unter Aufsicht verabreicht werden.
Eine Tuberkulose-Patientin liegt in Bangladesch im Krankenhaus. Die Medikamente gegen Tuberkulose dürfen nur unter Aufsicht...Foto: imago/ZUMA Press

Zukunftsprognosen sind ein riskantes Geschäft. Das gilt besonders für Seuchen. Zum Welt-Tuberkulose-Tag liefert ein Blick in die jüngere Vergangenheit ein Lehrbeispiel. Vor genau 20 Jahren feierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) anlässlich dieses Tages einen, wie es damals hieß, „der bedeutendsten Durchbrüche im Gesundheitswesen des Jahrzehnts“.

Der Jubel galt keinem neuen Medikament oder Impfstoff, sondern einem verbesserten Verfahren zur Therapie der Tuberkulose. Bei diesem setzt man darauf, dass Patienten eine wirksame Kombination von vier Medikamenten einnehmen – und zwar unter konsequenter Aufsicht von geschultem Personal.

Damals erkrankten jedes Jahr zwischen vier bis sechs Millionen Menschen neu an der weißen Pest. Zwischen 25 und 50 Prozent der Infizierten starben. Doch die WHO verkündete ganz optimistisch, die neue Therapiemethode könne innerhalb von zehn Jahren zehn Millionen Todesfälle verhindern. Ein intensiver Einsatz werde die Zahl der Neuerkrankungen dramatisch senken.

2015 erkrankten mehr als zehn Millionen Menschen

Es ist Zeit für einen Realitätscheck. Im Jahr 2017 angekommen, fällt die Bilanz zweigeteilt aus. In der Tat hat die sogenannte direkt überwachte Therapie die Todesfälle reduziert, wahrscheinlich sogar deutlich mehr als vorhergesagt. Doch dieser Erfolg wird von einem anderen Befund überschattet. Auch 2015 starben noch 1,8 Millionen Menschen an der Tuberkulose. Damit bleibt sie die tödlichste aller Infektionskrankheiten.

Überdies erweist sich der prognostizierte Rückgang der Neuerkrankungen leider als fatale Fehleinschätzung. Das Gegenteil ist der Fall. Tuberkulose breitet sich rasant aus. 2015 erkrankten mehr als zehn Millionen Menschen neu an dem Erreger – rund doppelt so viele wie noch vor zwanzig Jahren.

Besonders bedrohlich ist die Zunahme von multiresistenten Tuberkulose-Bakterien. Diese Erreger sind gegen die wichtigsten Medikamente unempfindlich geworden. Allein in diesem Jahr werden etwa eine halbe Million Menschen an solch einer Infektion erkranken.

Die Bakterien verändern sich

Weniger als jeder fünfte von ihnen wird eine Therapie erhalten. Und selbst Behandelte haben nur noch eine 50-Prozent-Chance zu überleben. Die Aussichten für Menschen mit resistenter Tuberkulose sind also derzeit ähnlich schlecht wie jene von Ebola-Patienten, für die bisher noch keine Therapie zur Verfügung steht.

Die Zahlen sind beängstigend. Insgesamt sterben jedes Jahr 700 000 Menschen an einem resistenten Krankheitskeim. In jedem dritten Fall heißt die Diagnose: multiresistente Tuberkulose. Damit stehen problematische Tuberkulose-Bakterien auf Platz eins der Riege gefährlicher Resistenzkeime. Zwar sind in den vergangenen Jahren einige neue Medikamente gegen sie auf den Markt gekommen. Doch auch diese versagen bereits bei einigen Stämmen.

Die Forschung braucht Geld

Wie also kann eine neue 20-Jahres-Prognose ausfallen? Das hängt nicht zuletzt von Entscheidungen über die Finanzierung der Tuberkulose-Forschung ab. Seit Jahren leidet diese an einer Unterfinanzierung. In dieser Situation sendet die WHO aktuell das falsche Signal. Kürzlich gab sie eine Liste der gefährlichsten antibiotikaresistenten Bakterien heraus. Der Tuberkulose-Erreger taucht auf dieser nicht einmal auf!

Die Weltgesundheitsorganisation begründet das mit bereits laufenden Programmen. Doch die Liste dient der Politik dazu, die Prioritäten im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen festzulegen. Wer Tuberkulose hier nicht nennt, nimmt in Kauf, dass die Seuche erneut aus dem Fokus der Entscheider gerät. In solch einem Fall würde die Prognose für 2037 düster ausfallen.

Dabei sind die Voraussetzungen für einen positiveren Verlauf so gut wie nie. Es gibt heute effektive Schnelltests, die den Erreger samt Resistenz schnell erkennen. Auch die Entwicklung neuer Impfstoffe ist enorm weit. Bis Ende dieses Jahrzehnts werden wir wissen, ob die aussichtsreichen Kandidaten tatsächlich schützen. Dann könnte es gelingen, dass wir mit etwas Glück und mit den richtigen Entscheidungen bis 2037 erreichen, was schon für die vergangenen zwanzig Jahre verkündet worden war: die weitere Ausbreitung von Tuberkulose zu verhindern.

Stefan H. E. Kaufmann ist Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie in Berlin und leitet die Abteilung Immunologie.
Stefan H. E. Kaufmann ist Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie in Berlin und leitet die Abteilung...Foto: Promo

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