Weltkongress : 18 Millionen Lehrer fehlen

Bildung bleibt ein Privileg: Das im Jahr 2000 von 185 Staaten verabschiedete Versprechen, 2015 würden alle Kinder auf der Welt ungehinderten Zugang zur Schulbildung erhalten, ist kaum erreichbar.

Uwe Schlicht

Der Präsident der Education International (EI), Thulas Nxesi, hat den fünften internationalen Weltkongress der Bildungsinternationalen, der gestern in Berlin zu Ende ging, als den erfolgreichsten Kongress der EI überhaupt bezeichnet. Vier Tage lang hatten 1700 Delegierte aus allen Kontinenten auf Einladung der EI, der weltweiten Dachorganisation von Bildungsgewerkschaften, über Bildung in aller Welt diskutiert.

Zum Abschluss des Kongresses veröffentlichte die EI ein Barometer der Menschen- und Gewerkschaftsrechte. Danach ist das im Jahr 2000 von 185 Staaten verabschiedete Versprechen, 2015 würden alle Kinder auf der Welt ungehinderten Zugang zur Schulbildung erhalten, kaum erreichbar. 18 Millionen Lehrer fehlten. Es macht bereits einen gewaltigen Unterschied, wenn in vielen Ländern die Kinder nur für vier Jahre die Schule besuchen können, während in den hoch industrialisierten Ländern der Schulbesuch sich über 15 bis 16 Jahre erstreckt, sofern man Schule und die Studienzeit an den Hochschulen gemeinsam betrachtet.

Der Kontinent mit den größten Problemen ist nach wie vor Afrika. Selbst Länder wie Südafrika mit einem ausgebauten Bildungssystem leiden unter der sich rasant ausbreitenden AIDS-Erkrankung von Lehrern und Schülern. Die EI kritisierte die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds wegen ihrer verfehlten Politik gegenüber Afrika in den 1980er und 1990er Jahren scharf, weil diese Fortschritte im Bildungssystem bei ihrer rein wirtschaftsorientierten Sichtweise nicht zur Kenntnis genommen hätten.

Nachteilig wirkten sich auch Schulgelder aus. Weil der Unterrichtserfolg auch von den Klassengrößen abhänge, sei der Bildungsertrag in den hochindustrialisierten Ländern mit Klassengrößen von 30 bis 40 Schülern eher möglich als in Entwicklungsländern mit 50 oder gar 100 Schülern in einer Klasse.

Auch die Geschlechterfrage spielt nach wie vor eine große Rolle beim Schulbesuch. Heute müssten weltweit 15 Millionen Mädchen mehr in den Schulen sein, als tatsächlich im Jahre 2005 gezählt wurden, betont die EI. Schülerinnen dürften nicht benachteiligt oder vom Schulbesuch ausgeschlossen werden, nur weil sie wegen ihres Glaubens auf das Kopftuch nicht verzichten wollten. Welchen Erfolg junge Frauen in der Bildung erzielen könnten, zeigten die hochindustrialisierten Länder, in denen sie in den höheren Klassen die Mehrheit stellten. Nach wie vor würden junge Frauen nach dem Schul- und Hochschulbesuch im Beruf schlechter bezahlt als Männer, und in höheren Positionen der Firmen oder in den Parlamenten seien Frauen unterrepräsentiert. Weltweit sind nur 15 Prozent der Abgeordneten Frauen.

In Ländern ohne unabhängige Justiz und freie Presse und ohne starke Gewerkschaften seien Lehrer der Zensur unterworfen. Die EI kündigte an, neben Pisa eigene Indikatoren zur Beurteilung der Qualität in der Bildung zu entwickeln. Ludwig Eckinger vom Verband Bildung und Erziehung, forderte, auch die deutschen Lehrer sollten sich am „Lehrer-Pisa“, der OECD-Studie Thales, beteiligen. Sie müssten sich der Kritik stellen, um sich zu entwickeln. Der nächste Weltlehrerkongress wird in vier Jahren in Afrika stattfinden. Uwe Schlicht

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