Weltraum : Warten auf Antwort

Eine Fachtagung in Potsdam zeigt: Die Chancen, außerirdisches Leben zu finden, stehen besser als je zuvor – zumindest in der Theorie.

Roland Knauer
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Riesige Lauscher. Mit großen Radioteleskopen fahnden Forscher nach außerirdischen Funksignalen – bislang erfolglos. -Foto: dpa

„Allein in unserer Galaxie könnte es 10 000 intelligente Zivilisationen geben.“ Mit solchen Sätzen gewinnt der US-Physiker Frank Drake die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer, so auch beim Potsdamer Leibniz-Kolleg Ende der vergangenen Woche. Allerdings sei die Zahl noch extrem unsicher, fügt der Forscher hinzu, der seit 50 Jahren nach außerirdischem Leben fahndet. Um es gleich vorwegzunehmen: Nicht einen einzigen Beweis dafür konnte er bislang vorlegen. Dennoch ist er der Star in der „Seti“-Szene, benannt nach der Suche von „Spuren extraterrestrischer Intelligenzen“.

Bereits 1961 hat Drake eine Gleichung vorgestellt, in der sieben Faktoren die Häufigkeit von intelligentem Leben in unserer Galaxie beschreiben. Die ersten drei Faktoren der Drake-Gleichung befassen sich damit, wie viele erdähnliche Planeten in unserer Milchstraße überhaupt vorhanden sind. Der vierte Faktor fragt, wie wahrscheinlich Leben entsteht, wenn die Voraussetzungen auf einem Planeten stimmen. Nur: Mit dem einzigen Beispiel des Lebens auf der Erde lässt sich schlecht eine Wahrscheinlichkeit für diesen Vorgang berechnen. Da Lebewesen inzwischen auch in extremen Biotopen wie glühenden Kohleflözen oder in Erdöllagern unter dem Grund der Nordsee gefunden wurden, tendieren immer mehr Forscher zu jener Meinung, die Drake seit Jahren offensiv vertritt: „Wo die Bedingungen stimmen, dort entsteht über kurz oder lang auch Leben.“

Mit dem einzigen bekannten Beispiel unserer Erde und der Entwicklung des Lebens zu einer technischen Intelligenz lässt sich auch der nächste Faktor kaum ermitteln, der angibt, wie oft das passiert. In die gleiche Kategorie fällt der sechste Faktor: Macht sich eine technische Intelligenz auch bei ihren Nachbarn bemerkbar? Die Menschheit tut das noch nicht einmal seit 100 Jahren mit verschiedensten Funkwellen, die – teils unabsichtlich – in den Weltraum strahlen.

Der letzte Faktor der Drake-Gleichung beschreibt die Lebensdauer einer technischen Zivilisation. Ein Funksignal ist quer durch unsere Galaxie immerhin 100 000 Jahre lang unterwegs. Eine Lebenskultur muss folglich lange bestehen, um wenigstens eine Antwort fremder Wesen zu erhalten. Ungleich länger würde ein wechselseitiger Dialog dauern. Wie lange eine Zivilisation aber existiert, wissen wir nicht einmal von unserer eigenen, geschweige denn von noch gar nicht entdeckten fremden Kulturen.

Einfach ist die Drake-Gleichung also kaum zu lösen. Erste Schätzungen schwankten dann auch zwischen genau einer Zivilisation in unserer Galaxie – nämlich der menschlichen – und bis zu mehreren Millionen technischen Intelligenzen. Allerdings konnten Astrophysiker in den vergangenen Jahren die großen Unsicherheiten bei den vorderen Faktoren der Drake-Formel erheblich verringern. Diese beziehen sich auf Himmelskörper, auf denen Leben entstehen könnte, weil sie mittelschwere Elemente wie Kohlenstoff und Sauerstoff sowie flüssiges Wasser bieten.

Auf dem Leibniz-Kolleg präsentierte der Astrophysiker Philipp Richter von der Universität Potsdam dazu einige neue Ergebnisse. Sein Forschungsgebiet ist das Gas zwischen den Sternen, das unmittelbar nach Entstehung des Weltraums praktisch ausschließlich aus Wasserstoff und ein wenig Helium besteht. Kurz nach dem Urknall kann es demnach kein Leben gegeben haben, weil es keine mittelschweren Elemente als Grundbausteine gab. Nach einigen Jahrmillionen aber hatten erste Sonnen Kohlenstoff, Sauerstoff und weitere wichtige Elemente gebrannt und im All verteilt.

Zu diesem Zeitpunkt bilden sich aus dem immer noch reichlich vorhandenen Wasserstoff und den neuen, schwereren Elementen gigantische flache Scheiben. Nach einiger Zeit zündet im Inneren, genau wie in den ersten Sternen, das Sonnenfeuer. „Allein in unserer Milchstraße passiert das zwischen vier- und neunzehnmal in jedem Jahr“, berichtete Richter. Die Strahlung der jungen Sonne treibt den übrig gebliebenen leichten Wasserstoff aus der näheren Umgebung in die äußeren Regionen der Scheibe. Im Inneren der Scheibe ballen sich die schweren Atome mit dem noch nicht weggeblasenen Wasserstoff zu relativ schweren Himmelskörpern zusammen, die der Erde, der Venus und dem Mars ähneln.

Aufgrund detaillierter Beobachtungen können Wissenschaftler ziemlich genau sagen, dass ungefähr jede zweite Sonne auch ein Planetensystem besitzt. „Es muss also sehr viele Planeten im Weltraum geben, die der Erde ähneln“, folgert Richter. Die Astrophysik verändert damit die vorderen Faktoren der Drake- Gleichung zu Werten mit relativ hohen Wahrscheinlichkeiten für intelligentes Leben außerhalb unseres Sonnensystems.

Ob wir Kontakt mit diesen Kreaturen aufnehmen können, ist dennoch fraglich. Wollte eine außerirdische Intelligenz mit uns über Radiosignale in Kontakt treten, müsste sie zu ähnlicher Zeit wie die Menschheit und nicht allzu weit entfernt das Funken gelernt haben.

Der Seti-Pionier Drake ließ sich von solchen Überlegungen aber noch nie schrecken. Am 16. November 1974 sendete er vom Arecibo-Observatorium in Puerto Rico eine Radiobotschaft zum Sternbild Herkules. „Das kostete gerade einmal 35 Dollar“, erinnert sich der Forscher. Das Ziel der Radiowellen ist der Kugelsternhaufen „Messier 13“ mit rund 300 000 Sonnen, den die Botschaft in ungefähr 22 750 Jahren erreichen wird. Sollte auf einem der dort sicherlich vorhandenen Planeten eine Zivilisation das Signal empfangen, entschlüsseln und sofort eine Botschaft Richtung Erde schicken, würde die Antwort um das Jahr 47 474 bei uns eintreffen. Drake selbst wird also nicht unter den Empfängern sein. „Aber meine wissenschaftliche Arbeit ist weder für mich noch für die USA, sondern für die gesamte Menschheit.“

Und die sucht die Fremden bereits eifrig: Im März startete die US-Weltraumorganisation Nasa das 600 Millionen Dollar teure Weltraumteleskop „Kepler“, das gezielt nach erdähnlichen Planeten in der Nachbarschaft unserer Sonne fahndet. Zudem lauschen Radioteleskope während ihrer astrophysikalischen Forschungen auch noch auf mögliche Signale der Außerirdischen.

Mittlerweile hat Drake ein halbes Jahrhundert mit der Suche nach den „anderen“ verbracht, ohne in dieser Zeit auch nur ein einziges Signal empfangen zu haben, das mit absoluter Sicherheit von einer fremden Intelligenz stammt. „Das entmutigt mich aber nicht“, sagt der 79-Jährige und lacht. Schließlich weiß er, dass die Suche sehr lange dauern kann – und dass die von ihm begonnene Arbeit wohl noch lange fortgesetzt werden wird.

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