Wissen : Wenn Delfine Menschen helfen

FU-Verhaltensbiologe Brensing analysierte das Verhalten der intelligenten Meerestiere in Schwimmprogrammen

Matthias Manych

Immer mehr Menschen hoffen auf die Wirkung von Programmen, in denen Delfine als schwimmende „Heilpraktiker“ eingesetzt werden. Besonders Kinder mit unterschiedlichen körperlichen oder seelischen Beeinträchtigungen sollen durch die Begegnung und den direkten Kontakt mit den Meeressäugern Fortschritte im Heilungsprozess machen. Über die Therapieerfolge gibt es viele Berichte, doch bislang nur wenige wissenschaftliche Belege. Vor allem war noch bis vor wenigen Jahren unerforscht, wie die Tiere sich in diesen Situationen verhalten und welche Konsequenzen das für die Schwimmprogramme hat.

Als einer der wenigen Wissenschaftler hat Karsten Brensing von der Freien Universität Berlin das Verhalten der intelligenten Meeressäuger in den Jahren 1998 und 2002 untersucht und die Ergebnisse in seiner Mitte dieses Jahres vorgelegten Dissertation zusammengefasst. Brensing hat sich auf unstrukturierte Schwimmprogramme konzentriert. „Dabei werden die Tiere nicht durch Trainer kommandiert oder für bestimmte Aktionen belohnt. So kann festgestellt werden, ob Delfine eine eigene Motivation für Menschenkontakte haben“, erläutert der Verhaltensbiologe.

Brensing beobachtete Delfingruppen in Meerwasser-Freigehegen, dem „Dolphins Plus“ auf Key Largo, Florida/USA und dem „Dolphin Reef“ bei Eilat an der Küste Israels. Dazu setzte er Videokameras und Unterwassermikrofone ein. Die beiden Freigehege unterscheiden sich in Größe und Rückzugsmöglichkeiten für Delfine. In dem nur 600 Quadratmeter großen „Dolphins Plus“ wird es für die Delfine rasch unangenehm. Hier ist stets eine Gruppe von fünf Tieren zusammen. Kommen nun bis zu acht Erwachsene oder Kinder zu ihnen ins Wasser, wird es eng, denn die Tiere versuchen meist einen Abstand von mehr als acht Metern zum Menschen einzuhalten. Da es keine Ausweichmöglichkeit gibt, werden sie unruhig: Die Gruppe beginnt schneller zu schwimmen, taucht tiefer hinab und die Atemfrequenz steigt an. Für den Berliner Verhaltensforscher sind das deutliche Hinweise auf Stress, der in Anwesenheit von Erwachsenen größer war als bei Kindern. Nur ein Delfin namens „Sarah“ näherte sich, ohne sofort wieder wegzuschwimmen, „aber ausschließlich behinderten Kindern“, sagt Brensing.

Im israelischen „Dolphin Reef“ waren die Delfin-Mensch-Kontakte wesentlich häufiger und gingen nicht nur von einem Tier aus. Hier konnte Brensing eindeutig beobachten, dass Delfine an Menschenkontakten interessiert sind. Ein Vergleich zum „Dolphins Plus“ erklärt die Gründe: Die dreizehn Delfine im „Dolphin Reef“ schwimmen in einem 14 000 Quadratmeter großen Areal und können sich jederzeit in einen Bereich zurückziehen, in dem sie ungestört bleiben. Zusätzlich werden die Patienten von so genannten „Guides“ im Wasser begleitet. Diese „Guides“ sind keine aktiven Trainer, sondern lediglich für die Delfine vertraute Personen, die ein wenig ihre Scheu nehmen sollen. Für Karsten Brensing ist das israelische Konzept insgesamt ein positives Beispiel für unstrukturierte Schwimmprogramme.

Delfine orientieren sich auch mit einem Sonar. Mit ihrem klickenden Echolot erkennen sie die Struktur ihrer Umgebung bis auf einige hundert Meter Entfernung. Im trüben Wasser erhöhen sie die Klickrate und verbessern so die „Bildqualität“. Das gab Anlass für viele Spekulationen, die Tiere sollten sogar frühe Schwangerschaften bei Frauen erkennen können. Einige Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Ultraschall der Delfine biologische Wirkung im menschlichen Körper hat. Auch diesen Aspekt hat Karsten Brensing untersucht und seine Beobachtungen und Messungen mit medizinischen Daten verglichen. Im Idealfall, so der Wissenschaftler, sei ein Effekt im menschlichen Körper vorstellbar. Dazu müsste aber ein Delfin aus maximal zwei bis vier Metern mehr als fünf Minuten lang Ultraschall mit einer Stärke von 220 Dezibel produzieren und dabei seinen Kopf (und damit den Ultraschall) direkt auf die Person richten. „Selbst wenn ein Trainer das kommandieren könnte, wäre der Delfin viel zu schnell erschöpft“, erklärt Brensing und hält Spekulationen über heilende Effekte für unbegründet.

In Deutschland wäre ein Ultraschalleffekt in Delfinarien völlig ausgeschlossen, da wegen der niedrigen Wassertemperatur Kinder und Erwachsene in Neoprenanzügen ins Wasser gehen – „da geht nichts durch“, ergänzt Brensing. Allerdings gefährden die hier eingesetzten Desinfektionsmittel die Gesundheit der Tiere.

Therapeutische Schwimmprogramme mit Delfinen kosten bis zu 10 000 Euro; trotzdem ist das Interesse groß und das Geschäft lohnt sich. Für Karsten Brensing sind aber noch zu viele Fragen ungeklärt, um den Einsatz der neugierigen Tiere zu rechtfertigen.

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