WERT sachen : Cordhose

Christoph Markschies[Präsident der Humboldt-Universität]

Während meines Studiums erschien in einer großen deutschen Wochenzeitung ein Artikel, der die schöne These verfocht, man könne die Fachzugehörigkeit von Studierenden an ihrer Kleidung erkennen. Der Artikel behauptete unter anderem, Studierende der Mathematik trügen meist Karohemden. Ich wohnte damals in einem Studentenwohnheim direkt neben einem Mathematikstudenten. Der trug eigentlich immer blaue Karohemden. Seither bin ich davon überzeugt, dass mindestens eine gewisse Korrelation zwischen der Kleidung von Akademikern und ihren Disziplinen besteht – und das auch viele Jahre nach der Abschaffung der Talare an vielen deutschen Universitäten, deren bunte Borten mindestens die Fakultätszugehörigkeit verrieten: evangelische Theologen lila, Juristen rot und so weiter.

Freilich verrät die Akademikerkleidung keineswegs nur etwas und schon gar nicht immer etwas über die Fachzugehörigkeit. Der junge Marburger Philosophieprofessor Martin Heidegger ließ sich eine Trachtenjoppe bei dem heute nahezu vergessenen Maler Otto Ubbelohde entwerfen, den sogenannten „existentiellen Anzug“, trug aber auch gern einmal einen Skianzug in der Vorlesung. Sein Schüler Hans Georg Gadamer beschreibt die köstliche Szene, wie der im Skianzug gewandete Heidegger seinen Kollegen, den Philosophen Nicolai Hartmann (gern auch „der schöne Nicci“ genannt) traf, „wie immer in gestreifter Hose und schwarzem Rock und einem altväterischen Kragen“. Hartmann blieb stehen und sagte zu Heidegger: „Ist es möglich: So gehen Sie in die Vorlesung?“ Und Heidegger lachte nur. Die Szene verrät mindestens dem Kundigen natürlich nicht nur etwas über die Kleidungsgewohnheiten zweier deutscher Philosophen, sondern auch allerlei über das Verhältnis ihrer philosophischen Ansätze. Und sie macht deutlich, dass man die Apostasie vom Neukantianismus sehr unterschiedlich inszenieren konnte.

Korrelationen gibt es. Davon bin ich immer noch überzeugt. Aber man muss sich vor Klischees hüten. Friedrich Dürrenmatt lässt seinen Einstein in den „Physikern“ in Cordhose, Pullover und Sandalen ohne Strümpfe auftreten. Ich kenne diverse Bilder Einsteins aus seinen Berliner Tagen, die einen höchst elegant gekleideten Herrn im Frack oder Stresemann zeigen. Vermutlich trug Einstein auch Seidenstrümpfe. Amüsant sind solche Details, wenn sie Größen wie Einstein oder Heidegger betreffen. Denn dann geht es um mehr als nur um schlichte Kleidung, und man kann etwas über die Wissenschaft lernen. Ansonsten handelt es sich – Korrelation hin, Korrelation her – bei dem Räsonieren über Akademikerkleidung häufig nur um dummen Klatsch. Und der hat herzlich wenig mit Wissenschaft zu tun.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden dritten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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