WERT sachen : Dialektik

Christoph Markschies[Präsident der Humboldt-Universität]

Zum Jubiläum der Humboldt-Universität fanden sich großherzige Spender, die halfen, ein Kunstwerk für das Hauptgebäude zu finanzieren. Es interpretiert die berühmte Feuerbachthese von Karl Marx über den Zusammenhang von Interpretieren und Verändern und verändert dadurch den – vorsichtig formuliert – etwas rückwärtsgewandten Raumeindruck des Haupteingangs.

Ausgewählt wurde der Entwurf der britischen Künstlerin Ceal Floyer: Sie hat jede Treppenstufe, die auf die Marmorwand mit den goldenen Lettern der These zuführt, mit einem kleinen Schild versehen: „Vorsicht Stufe“. Bald nach der Einweihung Anfang Oktober schritt ich mit einem klugen Botschafter ebendiese Treppen hinauf und erzählte ihm, dass inzwischen häufiger Menschen, die aufmerksam diese kleinen Schilder lesen, wegen ihrer Konzentration auf die Schilder fast unwillkürlich ins Stolpern geraten. Mithin hindert die Aufmerksamkeit für das Schild „Vorsicht Stufe“ an der Aufmerksamkeit für die Stufe, die dieses Schild eigentlich doch erreichen will.

Mein Gesprächspartner aus dem diplomatischen Corps schmunzelte und bemerkte, dass es ja eine tiefe Ironie sei, wenn eben die Dialektik, die Marx so wichtig gewesen wäre, nun zu Füßen seiner These gleichsam sinnenfällig demonstriert würde: Der Widerspruch zwischen der Aufforderung, Vorsicht beim Treppensteigen walten zu lassen, und der Handlung, ebendiese Vorsicht beim Lesen der Aufforderung unwillkürlich zu vergessen, bringe Menschen ins Nachdenken, mithin in eine Synthese über die in der Universität und der ganzen Gesellschaft notwendige Vorsicht.

In der Tat ist das neue Stolpern im Hauptgebäude vielfältig allegorisierbar: Man kann nicht nur wie der Botschafter an den berühmten Dreischritt der Dialektik des Humboldt-Professors Hegel, also an These, Antithese, Synthese denken, sondern auch an den Versuch des Humboldt-Studenten Marx, diese Dialektik vom Kopf auf die Füße zu stellen. Wer vor dem Marx-Zitat stolpert, begreift leicht, dass die gesellschaftliche Wirklichkeit irgendwie auch Grund für den Gang der Dinge ist.

Man kann die Dialektik anhand der Feuerbachthese aber noch weiter treiben: Philosophen haben schon vor längerer Zeit nachgewiesen, dass die philosophische Argumentation insgesamt ins Stolpern gerät, wenn man das Verändern anstelle des Interpretierens setzen will, wie Marx dies in der These im Grunde insinuiert. Die Aufforderung eines Philosophen, endlich Schluss mit der Philosophie zu machen, repräsentiert im Grunde also die sokratische Form der Dialektik, nach der höhere Weisheit in eine Aporie umschlägt.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden dritten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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