WERT sachen : Exkurs

Christoph Markschies[Präsident der Humboldt-Universität]

Ein Rigorosum ist heutigentags nur noch selten das, was der lateinische Name ursprünglich bedeutet: eine strenge mündliche Schlussprüfung vor der Verleihung des Doktorgrades. Wer über mindestens zwei Jahre eine passable oder gar herausragende Dissertationsschrift angefertigt hat, wird in Anerkennung dieser Leistung meist eher mild und freundlich befragt. Und wiederholt mindestens in den Nebenfächern gern, was er bereits im Examen als Schwerpunkt angegeben hatte. Jüngst saß ich aber in einem Rigorosum, in dem der höchst gelehrte Kandidat fast jede Frage mit dem Satz beantwortete: „Da muß ich ein wenig ausholen.“ Und dann von Adam und Eva begann, die Vorgeschichte der Antwort zu rekonstruieren, die eigentlich gefragt war.

Während der Prüfung habe ich mich gefragt, woher der Kandidat seine Neigung zu solchen ausführlichen Exkursen wohl haben könnte. Und dachte zunächst einmal an die wunderbaren sogenannten Elefantenrunden nach den Wahlen. Frage: „Warum haben Sie mit Pauken und Trompeten die Wahl verloren?“ Antwort: „Lassen Sie mich zunächst, lieber Herr Lueg, allen unseren Wählerinnen und Wählern sehr herzlich danken … (und so weiter und so fort)“. Diese Erklärung habe ich aber schnell wieder verworfen, ebenso wie die durch eine (mir persönlich vollkommen unbekannte) Band namens „Exkurs“ oder einen gleichnamigen Anbieter von thematischen Stadtführungen im Rheinland. Ich kam relativ bald darauf, woher der Kandidat im erwähnten Rigorosum seine Neigung zu ausführlichen Exkursen hatte. Er hatte das vermutlich bei seinem akademischen Lehrer gelernt. Also bei mir.

Manchmal schwanke ich, ob lange Exkurse im mündlichen Vortrag oder in Veröffentlichungen wirklich hilfreich sind. Schließlich bezeichnet der Begriff, wörtlich übersetzt, etwas, das „ausgelaufen“ ist – und wer mag schon Reden oder Texte, die auslaufen? Auf der anderen Seite enthalten Exkurse oft wissenschaftlich besonders kostbare Miniaturen. Das wird es wohl gewesen sein, was die Deutsche Forschungsgemeinschaft dazu bewogen hat, unter dem Titel „Exkurs – Einblick in die Welt der Wissenschaft“ in diesem Jahr aktuelle Ergebnisse DFG-geförderter Forschung in Bonn, Berlin, Bremen und München vorzustellen. Es wäre eigentlich ganz passend, wenn im Rahmen dieser Reihe auch irgendwann einmal mein Promovend sprechen würde.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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