WERT sachen : Farbe

Von Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität

Vor einiger Zeit fiel es mir beim Besuch der Philharmonie auf: Man hatte die schlichten schwarzen, vermutlich auf den Architekten Hans Scharoun zurückgehenden Buchstaben ausgetauscht, mit denen im Gebäude Hinweise auf die verschiedenen Sitzblöcke im Konzertsaal gegeben werden. Anstelle jener schwarzen Buchstaben, die direkt an den Wänden montiert waren, gibt es nun deutlich sichtbare Plexiglastafeln mit farbigen Lettern. Der Sinn dieser neuen Schilder erschließt sich sofort: Die beiden Raumhälften sind nun durch die unterschiedlichen Farben Grün und Rot markiert, während vorher die unterschiedlichen Blöcke (beispielsweise die herrlich in das Orchesterpodium hereinragenden Blöcke E links und E rechts) einheitlich schwarz angegeben waren.

Ich kenne das Haus seit Schülerzeiten und liebe die stellenweise leicht verwinkelte Architektur mit diversen Treppen in unterschiedlichen Formen, mir sind aber immer etwas irritierte Besucher aufgefallen, die eben diese Treppen leicht verzweifelt herauf- und hinunterhetzten, weil sie in der völlig falschen Ecke des Gebäudes suchten, einen linken Block in der rechten Hälfte des Gebäudes und so weiter und so fort. Das dürfte sich nun allein durch die beiden unterschiedlichen Farben geändert haben.

Auch wer sich noch halbwegs daran erinnert, wie das Schwarzweißfernsehen zunächst probehalber und dann immer durchgängiger farbig sendete, weiß: Ob etwas bunt und farbig angelegt ist oder nur Grau in Grau oder gar einfarbig, macht schon einen deutlichen Unterschied: „Nach grüner Farb mein Herz verlangt in dieser trüben Zeit“, heißt eine bekannte Zeile, die auf eine Heidelberger Liederhandschrift des sechzehnten Jahrhunderts zurückgeht. Im Bereich von Wissenschaft und Forschung gilt das natürlich auch: Als beispielsweise im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts in der Geschichtswissenschaft nicht nur mehr die großen Männer, die für ganze Generationen die Geschichte „machten“, in den Blick genommen wurden, sondern auch die Frauen, die Angestellten, das Dienstpersonal, da wurde ein schwarzweißes Bild der Vergangenheit plötzlich bunt und farbig.

Als man vor einigen Jahren die Bau- und Dekorationskunst des neunzehnten Jahrhunderts wiederentdeckte, wurden plötzlich einige Kirchenräume, die man in den fünfziger Jahren einheitlich getüncht hatte, wieder bunt und farbig. Natürlich wissen wir inzwischen alle, dass Farben nicht Eigenschaften von Dingen an sich sind, die wir als farbig wahrnehmen, vielmehr ist Farbe das subjektive Empfinden der physikalischen Ursache von elektromagnetischen Wellen oder Photonen. Aber solche Erkenntnisse waren ja nur der erste Schritt auf einem langen Weg, die überaus bunte und farbige Struktur der Funktionen unseres Gehirns besser wahrzunehmen.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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