WERT sachen : Friedhof

Christoph Markschies[Präsident der Humboldt-Universität]

Man kann in Berlin Tage, ja Wochen zubringen, wenn man auf den historischen Friedhöfen wenigstens die Gräber der prominentesten Persönlichkeiten sehen will. Schließlich gibt es nicht nur die bekannten Friedhöfe wie den der Dorotheenstädtischen Kirchgemeinde, sondern auch wenig beachtete wie den alten Kirchhof der Schöneberger Zwölf-Apostel-Gemeinde, auf dem etwa der Politiker Friedrich Naumann und der Historiker Johann Gustav Droysen beigesetzt sind. Unlängst kam ich endlich dazu, einen dieser weniger beachteten Kirchhöfe zu besuchen, der direkt an einer Hauptverkehrsstraße liegt und an dem ich deswegen bisher immer vorbeigefahren war.

Ein Grab beschäftigte mich noch, als ich längst schon wieder am häuslichen Schreibtisch saß. Auf diesem ungestalteten wie ungepflegten Grab steht der Rest eines Grabsteins, auf dem nur noch die Worte „Pfarrer Ludwig W …“, das Geburtsdatum 5.7.1879 und der obere Abschluss eines Kreuzes zu sehen sind. Vor dem fragmentierten Grabstein standen einige verwelkte Blumen in einer Plastikvase. Mithilfe des Internets gelang es mir vergleichsweise schnell, den fragmentierten Pfarrer zu identifizieren: Dr. Wilhelm Ludwig Georg Wessel (1879–1922), seit 1913 an der St.-Nikolai-Kirche. Praktisch unkenntlich gemacht wurde sein Grab vermutlich 1945, weil an dieser Stelle auch sein Sohn, der zum „Märtyrer der Bewegung“ verklärte kurzzeitige Berliner Jurastudent und spätere Hilfsarbeiter Horst Wessel begraben lag, der 1930 bekanntlich infolge einer Schießerei im Wedding umgekommen war. Ludwig Wessel war ein streng nationaler, kaisertreuer und antisemitischer evangelischer Pfarrer. Nach seinem plötzlichen Tod 1922 blieb die Familie mit dem Sohn Horst im Pfarrhaus wohnen, so dass ein Historiker mit Blick auf seinen Text „Die Fahne hoch“ etwas polemisch formuliert hat: „das Lied, das aus dem Pfarrhaus kam“.

Gelegentlich sprechen wir von Personen oder Ideen, die auf den „Friedhof der Geschichte“ gehören und meinen damit, dass man sie dort begraben und in Frieden ruhen lassen sollte. Damit sie aber nicht eines Tages auferstehen und vom Friedhof der Geschichte mitten in den politischen Alltag marschieren, muss man sich kritisch an sie erinnern. Und so sollte am Grab von Ludwig W. vielleicht doch eine Informationstafel aufgestellt werden, die über den konservativen Pfarrer und seinen missratenen Sohn berichtet.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden dritten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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