WERT sachen : Glückwunsch

Christoph Markschies[Präsident der Humboldt-Universität]

Am vergangenen Freitag gab es wieder einmal eine offizielle Gelegenheit zu Glückwünschen – da eröffneten nämlich fünf Institutionen der Wissenschaft das Berliner Wissenschaftsjahr 2010, das sie gemeinsam und mit vielen anderen feiern, weil sie in diesem Jahr runde Jubiläen begehen. Am einfachsten hatten es noch die Redner des Festaktes, denn die konnten den Institutionen – genauer: den im Saal anwesenden Mitarbeitenden der Staatsbibliothek, der Charité, der Akademie der Wissenschaften, der Humboldt-Universität und der Max-PlanckGesellschaft – ebenso einfach wie herzlich zu den jeweiligen Geburtstagen gratulieren und alles Gute für den weiteren Lebensweg wünschen.

Nach dem Festakt, nach Reden und Musik, beim anschließenden Empfang gab es eine ganze Anzahl von Menschen, die die Veranstalter zu dem Ereignis beglückwünschten, aber kaum Glückwünsche zum Geburtstag der jeweiligen Institution mehr. Man kann ja auch schlecht auf die Generaldirektorin der Staatsbibliothek zutreten und sagen: „Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem dreihundertfünfzigjährigen Geburtstag.“

Früher war das besser organisiert. Noch vor hundert Jahren, im großen Jubiläumsjahr 1910 schickten sich die Institutionen untereinander Grußadressen, edle Pergamente mit Wappen und Siegeln, auf denen (meist lateinische) Glückwünsche notiert waren. Die damals königliche Bibliothek verfasste für die Universität sogar eine Art von Festschrift als handfestes Zeichen ihres Glückwunsches. Und so konnte sich damals eigentlich jeder Angehörige einer akademischen Einrichtung sicher sein, dass vonseiten der eigenen Institution der Pflicht des Glückwunsches bereits in angemessener Form nachgekommen worden war.

Die Humboldt-Universität hat zu ihrem zweihundertsten Geburtstag vor allem von britischen und osteuropäischen Universitäten noch solche feierlichen Glückwünsche erhalten, auf Pergament, einige wenige sogar lateinisch abgefasst und mit einem Siegel versehen. Unter deutschen Universitäten ist das nicht mehr üblich, und wir dürfen darüber nicht klagen, denn auch wir verschicken keine lateinischen Pergamente mehr.

Wenn die Rituale fehlen oder außer Gebrauch zu geraten beginnen, droht aber oft die reine Peinlichkeit. Als ich die gebundenen Exemplare meiner Habilitationsschrift in das Dekanat getragen hatte und das einem Assistentenkollegen erzählte, sagte der: „Da bin ich so fertig, dass ich gar nicht gratulieren kann.“ Er war nämlich noch nicht fertig mit seiner Habilitationsschrift. Fehlen akademische Rituale wie der Glückwunsch, merkt man eben viel deutlicher, welche Rolle der Neid in solchen Einrichtungen spielt (und natürlich nicht nur dort).

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden dritten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar