WERT sachen : Landschaft

Bestimmte Gedanken sind der Landschaft nicht einfach inhärent und müssen nur gehoben werden, sondern werden meistens ein wenig künstlich an sie herangetragen.

Christoph Markschies[Präsident der Humboldt-Universität]

Mitten im Engadin, zwischen Sils Maria und Silvaplana, liegt ein lieblicher Bergsee, direkt am Waldrand. Und an seinem oberen Ende steht direkt am Wassersaum ein recht großer, spitzer Felsbrocken, der Stein von Surlej. Friedrich Nietzsche, der seit 1879 gern zur Erholung hierher kam und „mit glücklichen und dankbaren Gefühlen“ am See entlang lief, will hier erstmals im August des Jahres 1881 den Gedanken der ewigen Wiederkunft des Gleichen gedacht haben. Erst seit kurzer Zeit verweist eine Tafel am pyramidalen Block auf die Zusammenhänge, vorher konnten uninformierte Wanderer vollkommen achtlos am bedeutsamen Ort vorbeigehen. Aber welcher Zusammenhang besteht eigentlich zwischen der Landschaft am See mit Stein und dem nämlichen Gedanken, „dass alle Dinge ewig wiederkehren und wir selber mit, und dass wir schon einige Male dagewesen sind, und alle Dinge mit uns“? Wenn man den Ort besucht und einem dazu das Bergwandern noch etwas leichter fällt, als es dem nicht gerade gesunden Nietzsche fiel, kann man den wunderbaren Wasserfall über dem Stein eigentlich wirklich nicht übersehen. Und sieht, oben angekommen, nicht nur den stillen See und den spitzen Stein von oben, sondern auch das herrliche Bergpanorama. Schön wie nie liegt es in der Sonne, ganz und gar einmalig – fern von jeder Wiederholung, nichts von gleich und leider auch nicht ewig. Das Abendessen will im Hotel eingenommen werden.

Auch dort, wo scheinbar die Landschaft im Zentrum steht, dient sie oft nur als Staffage. Nietzsche hätte seinen Gedanken auch erstmals in Turin auf dem Markt denken können: Immer dieselben Marktstände, ewig das gleiche Geschäft. Und die alpenländische Natur als ewige Wiederkehr des Gleichen hat der Spötter Robert Musil viel treffender beschrieben: Ein Wald, so schreibt er einmal, besteht „meistens aus Bretterreihen, die oben mit Grün verputzt sind. Die schlauen Förster sorgen bloß für ein wenig Unregelmäßigkeit, irgendeinen Baum, der hinten etwas aus der Reihe tritt, um den Blick abzufangen. Denn sie haben ein feines Gefühl für die Natur und wissen, dass man ihnen mehr nicht glauben würde.“ Merke: Bestimmte Gedanken (und seien sie noch so klug und noch so schön) sind der Landschaft nicht einfach inhärent und müssen nur gehoben werden, sondern werden meistens ein wenig künstlich an sie herangetragen. Deswegen finden manche (wie Musil) die „reine Landschaft“ auch äußerst langweilig – und andere sie dieser ursprünglichen Gedankenlosigkeit wegen besonders schön.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden dritten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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