WERT sachen : Ofen

Christoph Markschies[Präsident der Humboldt-Universität]

Vor noch nicht sehr langer Zeit hatten Öfen kein gutes Image in dieser Stadt. Wer irgend konnte, riss auch den wunderschönsten Kachelofen des neunzehnten Jahrhunderts aus seiner Altbauwohnung heraus. Wer wollte in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts schon hinter dem Ofen sitzen, der als Symbol einer schlechten alten Zeit galt? Gebildete Zeitgenossen wussten zudem, dass der große Philosoph René Descartes im Februar 1650 an einer Lungenentzündung starb, weil die nicht minder große Königin Christina von Schweden ihren Ofen nicht heizen wollte. Und fast jeder hatte das Kinderbuch gelesen, dessen Held jahrelang auf dem Ofen herumlümmelt, anstatt in die große, weite Welt zu ziehen.

Inzwischen wird offenkundig anders gedacht: Wer in seine Berliner Altbauwohnung wieder einen Kachelofen gesetzt haben will, findet Fachgeschäfte, die solche alten Öfen vorrätig haben. Und wer sich einen solchen neuen alten Ofen hat setzen lassen oder noch über originale Öfen verfügt, kann zu Beginn des neuen Jahres den ganzen Mist des alten verfeuern – die durch die Wirklichkeit überholten Wahlprogramme der Parteien beispielsweise, aber auch die schreckliche Antragsprosa, die im deutschen Wissenschaftsbetrieb üblich geworden ist.

Als Lektüre am warmen Ofen an kalten Wintertagen empfiehlt sich übrigens eine Schrift des nämlichen Philosophen René Descartes, sein „Discours de la méthode“, eine Abhandlung, seine Vernunft richtig zu leiten und die Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen. Zu Beginn ihres zweiten Teils berichtet der Autor, wie er im Winter 1619 bei Ulm in eine Ofenstube kroch und so am Ofen liegend vier Regeln für den rechten Vernunftgebrauch entwarf – offenbar an einem großen süddeutschen Kachelofen; weitere Details in Durs Grünbeins „Vom Schnee“: „In enger Stube schmort er hier, der Hintern warm/ vom Kachelofen. Nur die Seele hüpft vor Glück.“ Nicht restlos ernst bemerkt der Philosoph, dass seine Philosophie schon zur Hälfte fertig war, als er aus dem Ofen wieder hervorkroch.

Was ist daraus zu lernen? Auch im neuen Jahr gelegentlich gleichsam etwas länger am Ofen sitzen zu bleiben, „alle Überstürzung und alle Vorurteile auf’s sorgfältigste zu vermeiden“, um so nichts in die eigenen Urteile aufzunehmen, woran man eigentlich zweifeln sollte (so Descartes’ erste Regel), wäre doch eigentlich ein ganz passabler Vorsatz für das neue Jahr.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden dritten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben