WERT sachen : Ordnung

Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität über die Tugend, die das halbe Leben ausmacht.

Christoph Markschies[Präsident der Humboldt-Universität]

Wer eine Bibliothek benutzt, steht immer wieder einmal verzweifelt vor den Zettelkästen: Sind die Tafelbände des Begründers der Archäologie der antiken christlichen Monumente, Giovanni Battista di Rossi, unter „di“ eingeordnet oder unter „Rossi, di“? Das Werk des Religionswissenschaftlers Roelof van den Broek unter „Broek“ oder „van den Broek“?

Als ich jüngst über solche Schwierigkeiten mit einer klugen Bibliothekarin sprach, verwies sie mich prompt auf ein Werk, das ich vor langen Jahren einmal in der Hand hatte, ohne seine Bedeutung zu begreifen: auf RAK-WB. In diesem zuletzt 2006 ergänzten Regelwerk, das es natürlich auch im Internet gibt, werden alle Fragen nach der Alphabetisierung von Namen beantwortet. Im vorliegenden Fall ist § 314, Präfixe bei Familiennamen, einschlägig. Verfahren wird nach Staatsbürgerschaft eines Autors. Ist Herr van den Broek Deutscher, rubriziert er unter „Broek, Roelof van den“, ist er Niederländer (und das ist er), unter „van den Broek, Roelof“. Besonders kompliziert ist es bei den Italienern: „Die Präfixe d’, da, de, degli, dei, de li oder di am Anfang von Namen von Personen, die vor dem 19. Jahrhundert gelebt haben, werden … nicht in der Ordnungsgruppe des Familiennamens angesetzt“; de Rossi lebte von 1822–1894 und gehört daher unter „R“.

Das wunderbare Regelwerk ist übrigens noch gar nicht so alt. Bis 1976 bzw. 1977 galten in Ost und West meist, aber nicht immer die sogenannten „Preußischen Instruktionen“ von 1899. Aber erst die Einführung der elektronischen Datenverarbeitung ermöglichte eine wirklich einsichtige Ordnung. Wer in das entsprechende Feld des „Karlsruher virtuellen Kataloges“, eines im Internet zugänglichen Metakataloges für Bibliotheks- und Buchhandelskataloge, „Broek, van den“ eingibt, wird genauso auf den nämlichen Kollegen verwiesen wie die, die „van den Broek“ eingibt. Die digitale Welt schafft nicht nur Chaos, sie macht ganz im Gegenteil auch vorhandene Ordnungsstrukturen sichtbar. Wer vor der „Biodiversitätswand“ im Berliner Naturkundemuseum steht, begreift, dass es hilfreich ist, den Kosmos zu ordnen, um ihn zu verstehen: Ordnung ist das halbe Leben.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden dritten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar