WERT sachen : Plausibilität

Von Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität

Sonderlich schön ist das Wort Plausibilität eher nicht und sonderlich alt wohl auch nicht. Im großen Wörterbuch der deutschen Sprache, dessen erste Bände auf Jakob und Wilhelm Grimm zurückgehen, findet sich auch nur das Adjektiv, belegt mit einem ziemlich ambivalenten Rat des Dichterfürsten aus Weimar (in der für die Brüder Grimm charakteristischen Kleinschreibung): „wer die menschen betrügen will, muss vor allen dingen das absurde plausibel machen.“ Honi soit qui mal y pense.

Goethe war selbstverständlich noch deutlich, dass es sich beim Wort „plausibel“ nur um die Eindeutschung eines lateinischen Adjektivs handelt, das wörtlich zu übersetzen wäre: „etwas, das Beifall findet“. Beifall freilich ist ein ambivalentes Phänomen; Beifall finden keineswegs nur Sachen von Wert. In einem spätantiken Text des Mailänder Bischofs Ambrosius kann man beispielsweise die hübsche Beobachtung nachlesen, dass Kinder, deren Väter einen sehr schweren Beruf haben, sich später gern solchen Beschäftigungen zuwenden, „die mehr den Beifall finden“ – und das gilt vermutlich heute auch bei entsprechenden Berufen von Müttern.

Vor einigen Tagen wurde mir bei einem anregenden Abendessen, an dem einige kluge Mediziner teilnahmen, erneut deutlich, dass Plausibilität solcher Ambivalenzen ungeachtet eine Sache von großem Wert ist: Denn die Kollegen wiesen mit Recht darauf hin, dass die beste medizinische Technologie oder Therapie wertlos bleibt, wenn Menschen nicht plausibel zu machen ist, dass sie nicht schadet, sondern nützlich ist und Heilungserfolge befördert. So nützt beispielsweise eine Verbesserung der Chemotherapie nur dann etwas, wenn Menschen mit entsprechenden Diagnosen sich nicht vor „der Chemie“ fürchten und zu dubiosen Heilweisen Zuflucht nehmen, die ihnen mehr plausibel erscheinen.

Die Plausibilität wissenschaftlicher Überlegungen versteht sich nicht von selbst – oder anders formuliert: Dafür, dass wissenschaftliche Sätze und praktische Folgerungen daraus einleuchten, muss geworben werden, damit nicht Unsinn – oder schlimmer: Irrsinn – Beifall findet. Und an Universitäten muss außerdem untersucht werden, warum Menschen auch Unsinn und Irrsinn plausibel erscheinen, selbst (oder vielleicht gerade) an Universitäten.

In drei Jahren feiert die Universität Unter den Linden ihr Jubiläum – Beispiele für gelungene, aber auch für schrecklich misslungene Plausibilisierungen finden sich in jenen zweihundert Jahren in Hülle und Fülle. Wie heißt es so schön in der Eingangshalle der Humboldt-Universität? „Es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ Die falschen Plausibilitäten und die gefährlichen dazu.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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