WERT sachen : Revisionen

Von Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität, über Werte.

Der jüdische Althistoriker Elias Bickermann musste aufgrund der politischen Umstände ein abenteuerliches Leben führen: 1922 floh er aus Russland nach Deutschland, 1933 nach Frankreich und 1940 vor den deutschen Truppen nach New York. Wenn man Bickermann, der 1981 in Jerusalem starb, über sein Leben befragte, erzählte er ohne Bitterkeit und meist haarsträubend komische Anekdoten. Manche seiner Geschichten hatten allerdings einen sehr ernsten Hintergrund.

Als er 1922 an die Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität kam, um sein Studium der Alten Geschichte und klassischen Philologie fortzusetzen, suchte er nach einem Doktorvater. Er besah sich die prominenten Vertreter dieser Fächer – und wählte zu allgemeiner Überraschung nicht den emeritierten großen Gräzisten Wilamowitz-Moellendorff oder den breit gebildeten Althistoriker Meyer, sondern den weit weniger prominenten Papyrologen Ulrich Wilcken. Er sei der einzige ihm bekannte Professor, der sich öffentlich selbst korrigiert und vor Studierenden eine von ihm vertretene Position feierlich revidiert habe, erklärte Bickermann.

Bis heute haben viele Wissenschaftler nicht verstanden, dass Revisionen von Ansichten keine Niederlage darstellen. Es ist vielmehr ein Zeichen von Souveränität, offenzulegen, „how my mind has changed“. Wenn man sich klarmacht, wie exorbitant schnell unser Wissen wächst und wie unüberschaubar komplex viele Zusammenhänge geworden sind, wird man den Wert von Revisionen hoch einschätzen und die ebenso nüchternen wie pragmatischen Revisionisten preisen.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Montag über Werte.

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