WERT sachen : Risiko

Von Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität

Die Szene aus Kindertagen ist unvergessen: Der Quizmaster stand vor einer großen, farbigen Multivisionswand, und die Kandidaten der Show bezeichneten eines der Felder auf der Wand: „A bis Z einhundert bitte“. Dann wurde ihnen eine mehr oder weniger leichte Frage gestellt. Wählte man ein Feld, verdunkelte sich augenblicklich das Studio. Der Moderator legte Tremolo in die Stimme, sagte „Risiko“ und das nämliche Wort blinkte mehrfach auf. Die Kandidaten durften dann einen Teil ihres bislang erzielten Gewinnes riskieren und immer wieder einmal sagte einer oder eine: „Ich riskiere alles.“

Die Sendung gibt es schon lange nicht mehr. Aber Stimmen, die mit viel Tremolo in der Stimme „Risiko“ rufen, hört man gegenwärtig an vielen Orten. Zum Teil ja mit gutem Grund: In einer globalisierten Welt sind die Risiken für den Einzelnen wie für die Gesellschaft dramatisch gestiegen – in den Tagen des Gipfels von Heiligendamm sind die einschlägigen Stichworte auf nahezu jeder Zeitungsseite zu finden: Börsencrash, Klimawandel, Seuchen und Terror. Viele solcher Risiken kann eine kluge Politik mindern – und die Aufgabe der Wissenschaft ist es, die Politik bei der Abschätzung und Minderung von Risiken zu unterstützen. Das nennt man dann Risikoforschung und an den Berliner Universitäten werden prominente Beiträge dazu geleistet.

Allerdings können Menschen, die beständig „Risiko“ rufen, jene Risikobereitschaft ersticken, die für das Überleben einer Gesellschaft unabdingbar ist. Jeder Bankkredit ist ein Risiko, für den Kreditnehmer wie für die Bank. Insbesondere für die Wissenschaft gilt: Wer nichts wagt, der nichts gewinnt!

Natürlich muss man nicht gleich das Leben riskieren wie 1929 der spätere Medizin-Nobelpreisträger Werner Forssmann, der sich an der Charité einen Gummischlauch in die rechte Herzkammer schob und so die Methode der Herzkatheterisierung etablieren half. Klinikdirektor Sauerbruch soll die Aktion unwirsch kommentiert haben: „Mit solchen Kunststücken habilitiert man sich in einem Zirkus und nicht an einer anständigen deutschen Klinik.“ Aber der immer wieder geäußerte Eindruck kluger ausländischer Kollegen, deutsche Wissenschaft und Wissenschaftsförderung hätten eine zu große Furcht vor Risiken, sollte nachdenklich machen. Vielleicht sollten wir uns an der Wirtschaft orientieren, die jetzt gern „Chancenkapital“ nennt, was man früher „Risikokapital“ nannte und im Risiko häufiger eine Chance sehen – und damit eine Sache von hohem Wert.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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