WERT sachen : Schlaf

Von Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität

Vor genau 30 Jahren nahm ich als Schüler in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche an einer Einführung in ein hohes kirchliches Amt teil. In seiner Predigt sprach der Einzuführende über den biblischen Vers „Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten“ und begann mit den Worten, „Schlaf ist ja lebenswichtig“. Das fand ich damals ziemlich merkwürdig, denn um die Lebenswichtigkeit des Schlafes geht es im neutestamentlichen Epheserbrief erkennbar nicht.

Man könnte ja glatt auch für das Gegenteil argumentieren: Schlaf (beispielsweise am Steuer) ist lebensgefährlich, und der Tod heißt seit alters her des Schlafes Bruder. Schlaf ist jedenfalls immer wieder einmal ziemlich hinderlich. Wer mag schon verschlafene Wissenschaft und Menschen, die beständig einschlägige Sprüche von sich geben – besonders schön: „Wer schläft, sündigt nicht.“ Gelegentlich gilt ja vielmehr das Gegenteil: Wer schläft, sündigt.

Erst viele Jahre, nachdem ich jenen Hinweis auf die Lebenswichtigkeit des Schlafes eher unwillig angehört hatte, wurde mir schlagartig deutlich, wie recht der, der ihn gab, damit hatte. Ich begann mich nämlich mit der Praxis des Heilschlafs zu beschäftigen, die in der Antike an den Heiligtümern des Gottes Asklepios geübt wurde, dann von den Christen übernommen wurde. In der Antike existierte diese Praxis einfach, die wissenschaftliche Medizin jener Tage hatte den Schlaf als Heilmittel noch nicht entdeckt und verstand daher auch nicht, was in den Heiligtümern vor sich ging. Die moderne Schlafforschung begann erst, als man nach dem Zweiten Weltkrieg ohne größere Mühe Hirnströme registrieren konnte und Schlafphasen präziser beschrieben werden konnten. Seitdem ist auch klarer, wie lange eine bestimmte Person schlafen sollte, um gesund zu bleiben oder im Heilschlaf gesund zu werden – aber eben auch deutlich, dass man zu lange schlafen kann und auf diese Weise auch die Gesundheit beschädigt. Es gilt also tatsächlich beides: Schlaf ist lebenswichtig, und der, der schläft, sollte trotzdem rechtzeitig vom Schlaf aufstehen.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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