WERT sachen : Vorausdenken

Von Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität

Auf dem Mittelrisalit, also direkt im Zentrum der barocken Fassade des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität Unter den Linden, ist seit genau einer Woche ein zwanzig Meter hoher Buchstabe zu sehen, der in einem weißen Kunststoff ausgeführt wurde – der Buchstabe „V“.

Universitätsangehörige wie Touristen bleiben leicht verwundert stehen, lesen eine vor der Fassade stehende Tafel und erfahren dort, dass das „V“ keine Hommage des Großbritannienzentrums an Churchills bekannte Geste darstellt (schließlich erfahren Berlins Universitäten erst im Oktober, ob es im Exzellenzwettbewerb Grund zum Feiern gibt). Vielmehr schmückt die Universität nun wie auch verschiedene Ministerien eine Installation des Schweizer Künstlers Felice Varini, die auf das gerade laufende Jahr der Geisteswissenschaften aufmerksam machen will. Der Buchstabe „V“ steht für „Vorausdenker“, weil die Geisteswissenschaften nicht nur antike Texte edieren und vergangene Phänomene untersuchen, sondern zugleich auch Bedingungen einer humanen Gesellschaft der Zukunft erforschen, eben vorauszudenken versuchen.

Wer einen Blick in den einschlägigen Band des Deutschen Wörterbuchs der Gebrüder Grimm wirft, der 1951 publiziert wurde und inzwischen kostenfrei im Internet zugänglich ist, wird verwundert feststellen, dass das Stichwort dort fehlt und lediglich unter dem Eintrag „voraus“ allerlei Belege gesammelt sind: beispielsweise der voraus denkende Staatsmann oder der nicht voraus denkende Dichter. Geisteswissenschaftler sind nicht darunter. Und auch auf der Homepage des „Digitalen Wörterbuchs“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie kann man lediglich einen einzigen einschlägigen Beleg finden. Es handelt sich um einen Satz des Philosophen Sloterdijk: Was der Philosoph Nietzsche in der Innerlichkeit vorausgedacht habe, sei „in der brutalsten Äußerlichkeit“ im Konzept des „deutschvölkischen Übermenschen“ vollendet worden.

Wie man auch immer die komplexe Relation zwischen der Philosophie Nietzsches und der nationalsozialistischen Ideologie genau beschreiben möchte: Solches Vorausdenken ist natürlich nicht gemeint. Erwünscht ist vielmehr von den Geisteswissenschaften, dass sie angesichts des exponential anwachsenden Risikos, das politische Entscheidungen (beispielsweise zum Rentensystem) und wissenschaftlichen Entdeckungen (beispielsweise im Bereich der Neurologie) mit sich bringen, besonnen vorausdenken und Risiken für die Entwicklung der Gesellschaft abschätzen helfen. Beim Philosophen Lübbe heißt das etwas artifiziell „Kontingenzbewältigungspraxis“. Dann doch lieber „Vorausdenken“.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar