WERTsachen : Anstoß

Ohne Anstoß von außen bleibt oft nur Lethargie von innen. Die, die Anstoß nehmen und stolpern, müssen allerdings wieder Tritt fassen können.

Christoph Markschies

Wer gern Fußball spielt oder anderen dabei zusieht, wird nicht daran zweifeln, dass der Anstoß eine Sache von Wert ist – ohne Anstoß kein Spiel. Diese Regel gilt übertragen für viele Situationen: Ohne dass man einen Anstoß bekommt, auf eine Sache hingewiesen wird, zu etwas angeregt wird, passiert vielfach nichts, aber auch gar nichts. Ohne Anstoß von außen bleibt oft nur Lethargie von innen.

Die Regel bewahrheitet sich leider auch in sehr großen Zusammenhängen. Ohne einen gehörigen Anstoß von außen wäre Mitte des letzten Jahrhunderts in Deutschland jene soziale Demokratie, die uns heute so selbstverständlich ist, nicht etabliert worden. Und ohne den Anstoß des Exzellenzwettbewerbs wären viele deutsche Universitäten vielleicht niemals aus ihrer ideologischen Illusion aufgewacht, dass das Stichwort „Elite“ eine ganz und gar teuflische Sache bezeichnet. Wenn Bundespräsidenten in programmatischen Reden schlichte Wahrheiten aussprechen, wenn sie einem trägen Land Denkanstöße geben (beispielsweise zu einer systematischen Bestenauslese in Schulen und Hochschulen), dann heißt das seit Roman Herzog „Ruck-Rede“.

Nun besteht freilich immer die Gefahr, dass das, was als engagierter Anstoß gemeint war, verpufft und niemanden mehr bewegt. Wenn im deutschen Wissenschaftssystem nun alle „Elite“ und „Exzellenz“ rufen, ist das die beste Voraussetzung dafür, dass niemand mehr Anstoß nimmt und sich nichts, aber auch gar nichts ändert. In solchen Situationen muss man darauf achten, Anstoß zu geben, mindestens ein wenig zu provozieren und ja nicht den kalten Kaffee zu wiederholen, der überall eingeschenkt wird. Im Unterschied zu einem Politiker, der die Wahrheit seiner Wählerschaft allenfalls dosiert vermitteln darf, um die Wiederwahl nicht zu gefährden, muss ein Wissenschaftler unbequeme Wahrheiten gelegentlich auch so formulieren, dass es schmerzt. Er muss sie jedenfalls ohne Rücksicht darauf formulieren, ob er damit Anstoß erregt oder Applaus bekommt.

Allerdings gilt bei alledem die schöne biblische Regel, die bei Luther heißt: „Du sollst für den Blinden kein Anstoß setzen.“ Es hat wenig Sinn, Wahrheiten so auszusprechen, dass man sie den Mitmenschen um die Ohren schlägt. Oder provoziert, weil man so gern provoziert. Die, die Anstoß nehmen und stolpern, müssen wieder Tritt fassen können.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar