Wertsachen : Papier

Christoph Markschies

In der vergangenen Woche führten mich die Leiter zweier traditionsreicher belgischer Wissenschaftsverlage durch ihre Druckereien. Neben den hochmodernen Druck-, Falz- und Bindestraßen lagen in Turnhout wie Löwen riesige Stapel unbedruckten Papiers, feines weißes, gröberes beiges und so weiter und so fort. Angesichts der Stapel kam mir schlagartig zu Bewusstsein, welche außerordentliche Bedeutung Papier ungeachtet diverser technischer Revolutionen für verschiedenste Formen von Kommunikation hat.

Wie sehr Papier eine elementare Voraussetzung von Buch- und Zeitungsdruck ist, macht auch die rasante Entwicklung deutlich, die innerhalb von rund fünfzig Jahren aus einer Fürther Papiergroßhandlung das Verlagshaus Ullstein werden ließ: Leopold Ullstein (1826-1899) entwickelte aus einem fränkischen Familienbetrieb jenen ebenso bekannten wie erfolgreichen Mischkonzern.

Warum ist uns im Alltag so wenig bewusst, dass das Papier eine Wertsache ist? Warum schieben wir Pakete billigen Kopierpapiers in unsere Drucker, ohne darüber nachzudenken, dass man ja mindestens die Briefe auf besserem Papier ausdrucken könnte als irgendwelche Konzepte? Vermutlich schon allein deswegen, weil Papier seit Langem in rauen Mengen industriell gefertigt wird, billig angeboten wird und auch ohne Mühe entsorgt werden kann. „Mehr Papier“ raunt der Papierdrache auf dem Kinderspielplatz im Ludwigsburger Schlosspark und überall stehen Papiercontainer in unseren Städten. Das schöne Büttenpapier aus Spechtshausen, das mir die Leipziger Tante immer zu Weihnachten schenkte, gibt es natürlich seit der Wende nicht mehr.

Und trotzdem: In den beiden belgischen Verlagen gibt es immer noch Stapel mit sehr verschiedenen Papiersorten. Wie übrigens auch in bestimmten Berliner Fachgeschäften. Wir würden vermutlich die Wertsache Papier wieder mehr achten, wenn wir neben dem alltäglichen billigen weißen Einheitspapier für besondere Anlässe auch wieder besonderes Papier in der Schublade hätten. Und Kopierpapier nur dann verwenden würden, wenn wir etwas aufs Papier zu sudeln hätten, wie das bei Goethe heißt.

Der Autor Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität, ist Kirchenhistoriker und schreibt jeden dritten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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