WERTsachen : Probevortrag: Bewerbung zur Professur

Wissenschaft präsentiert sich der Öffentlichkeit heute meist durch Vorträge: Jemand erzählt mit mehr oder weniger bemühten Worten, worüber geforscht wird. Mit Probevorträgen werden Bewerber um eine Professur getestet.

Christoph Markschies[Präsident der Humboldt-Universität]

Gelegentlich gibt es auch ganz besondere Vorträge an einer Universität, die sogenannten „Probevorträge“. Seit wann Bewerberinnen und Bewerber um eine Professur an deutschen Universitäten einen Vortrag zur Probe halten müssen, weiß ich nicht. Furchtbar lange kann das noch nicht üblich sein, denn im Jahre 1994, als ich mich um meine erste Professur bewarb, sagte mir der Dekan einer am Rhein gelegenen Universität: „So etwas machen wir hier nicht. Dann ist die Überraschung größer, wen wir berufen haben“. Und auch an der süddeutschen Theologischen Fakultät, die mich habilitiert hat, waren Vorstellungsvorträge ganz und gar unüblich: Die Professoren kannten die Kollegen, die sie berufen wollten, längst.

Heute könnte sich das niemand mehr erlauben. Meist werden denen, die man sich einmal anschauen möchte, dreißig Minuten für einen Vortrag zugestanden, und man erlebt dann beim Anhören der Probevorträge einen repräsentativen Querschnitt durch das allgemeine Vortragsgeschehen an deutschen Universitäten. Mit allen Absonderlichkeiten, die entstehen, wenn niemand mehr eine rhetorische Grundschulung bekommt: Powerpointfolien werden an die Wand geworfen und Sätze, die ohnehin jeder ohne Mühe lesen kann, noch einmal feierlich deklamiert. Geisteswissenschaftler pflegen vom Manuskript abzulesen, damit die gemeißelten Sätze nur ja nicht aus dem Leim gehen, Naturwissenschaftler turnen frei sprechend vor der Projektionswand herum, nicht jeder beherrscht das Englisch, in dem gern formuliert wird, wirklich.

Da in Berufungsverfahren nur selten die eingesandten Schriften wirklich von allen Kommissionsmitgliedern gelesen werden, ist der Eindruck, den der Vortrag und das anschließende, eher kurze Gespräch hinterlassen, oft ausschlaggebend. Ausführlicher Zeit, die wissenschaftliche Qualität eines Bewerbers oder einer Bewerberin wirklich kennenzulernen, nehmen sich längst nicht alle Berufungskommissionen. Und auf diese Weise kann nicht ausgeschlossen werden, dass im Verfahren jemand gewinnt, der sich bloß geschickt zu verkaufen weiß. Anderswo verbringt man einen ganzen Tag mit denen, die man für die eigene Fakultät gewinnen will. Probevorträge sind selbstverständlich sinnvoll, aber sie dürfen auch nicht überschätzt werden. Und ihre Form würde sich gewaltig verbessern, wenn an deutschen Universitäten in einem Studium generale, das seinen Namen verdient, endlich wieder Rhetorik gelehrt würde.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden dritten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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