Wissen : Wie die deutsche Sprache überleben kann

Dauergequassel oder Bildungsauftrag: An der Berlin-Brandenburgischen Akademie streiten Kulturpessimisten mit Optimisten

Eva-Maria Götz

Für Sprachforscher muss die Epoche der Spätaufklärung und der Romantik eine herrliche Zeit gewesen sein. Die Alphabetisierung ganzer Landstriche stand an ihrem Anfang, Nationalsprachen wurden erstmals beschrieben und der Glaube an die Schönheit und die Macht des Wortes war ungebrochen. „Der Mensch ist Mensch nur durch Sprache“, jubilierte Wilhelm von Humboldt vor der Berliner Akademie der Wissenschaften.

Heute, sagt der Linguist und Romanist Jürgen Trabant an ebendieser Stelle, ist Sprache präsenter denn je. Anstelle von Humboldts „bildendem Organ des Gedankens“ sei allerdings ein „permanentes Dauergequassel“ getreten, ein nicht abschwellender Strom von sinnentleerten Tönen, die ständig und überall von Leinwänden, aus Lautsprechern, Telefonen und Mündern quellen. „Droht nun das Ende der Sprache?“, fragte Trabant zu Beginn der Berliner Tagung „Über die Sprachlichkeit des Menschen“. Ist das Medium, dessen „bevorstehender Vollendung“ Humboldt entgegenfieberte, dem finalen Kollaps durch Selbstaushöhlung ausgeliefert?

Trabants Befürchtungen gehen über aktuelle Konsum- und Kommunikationskritik hinaus. Das Ende der Sprache ortet er bereits in den Ursprüngen unserer Kulturgeschichte, in Sokrates’ Misstrauen gegenüber dem gesprochenen Wort, das sich stets störend zwischen die Dinge und die Erkenntnis schiebt. Und in der Bibel, deren Autoren seit dem „Turmbau von Babel“ in der Vielfalt der menschlichen Sprachen eine Strafe Gottes, nicht aber einen beschützenswerten Ausdruck menschlicher Fantasie festmachen wollen.

Kein Wunder also, dass durch diese vehemente Agitation die Sprache langfristig in Verruf geriet. Heute steht die Wissenschaftssprache mit ihren präzisen Zeichen, die keine semantische Verschiedenheit duldet, die keine Poesie erlaubt, hoch im Kurs. Nur 600 von zurzeit über 6000 Weltsprachen werden die nächsten 100 Jahre überleben, warnt Trabant. Das Deutsche stünde zudem in der akuten Gefahr, zu einer kulturhistorischen Marginalie zu werden. Und doch: In der Dichtung ist Hoffnung. Jürgen Trabant: „Solange die Dichter das Wort haben, ist das Ende noch nicht sichtbar.“

Der Berliner Philosoph und Schriftsteller Peter Bieri sprang seinem Kollegen bei: Es sei die Pflicht und Schuldigkeit des Autors, den Worten ein eigenes Gewicht zu geben und sie als das Medium der Einbildungskraft hochzuhalten. Die Sprache sei es, die uns zu verstehenden Wesen mache, nur sie gebe uns die Möglichkeit, uns zu erinnern. „Irrtum“, meinte dagegen der Kunsthistoriker Horst Bredekamp. Er verwies darauf, dass der Mensch auch immer „homo faber“ gewesen sei, der Bildende, Abbildende – und das weit vor dem Anfang aller Sprache. Nicht im Wettkampf der Ausdrucksmittel lag allerdings für Bredekamp die Lösung. Er forderte die Sprachwissenschaftler im Gegenteil zu mehr Selbstbewusstsein auf, zu einer Weltsicht, die Bilder als sprachbereichernd annähme. Worte wie „Bilderflut“ und „- schwemme“ könnten da nur kontraproduktiv wirken. „Und was ist mit denjenigen, die der Sprache nicht, noch nicht oder nicht mehr mächtig sind?“, fragte der Münchner Germanist Konrad Ehlich und warnte davor, als Kriterium des Menschseins allein seine Sprachfähigkeit anzunehmen und damit Kinder, Alte und Kranke auszugrenzen. Ohne Sprache gehe es allerdings auch nicht, und so forderte Ehlich das Selbstverständnis der Gesellschaft nicht als „Sprach-“, sondern als „Solidargemeinschaft“ ein. Das schlösse die vollständige Partizipation nicht perfekt Deutsch sprechender Migranten ein und eine Aufwertung der Vielsprachigkeit im Bildungssystem.

Wie unverzichtbar Sprachbeherrschung für den sozialen Aufstieg ist, machte die Berliner Sprachwissenschaftlerin Ute Tintemann am Beispiel des genialischen Schriftstellers Karl Philipp Moritz klar. Seine Sprachvermögen im Deutschen sowie auffallende Englisch- und Lateinkenntnisse verhalfen ihm seiner prekären Herkunft zum Trotz vor 200 Jahren zu einer glänzenden Karriere. Tintemann plädierte für eine stark verbesserte Frühförderung der Sprachkompetenz bereits im Kindergarten. Eva-Maria Götz

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