Wissen : Wie die „Jobmaschine“ TU Berlin Arbeitsplätze schafft

Mit ihren Drittmitteln kann die Hochschule 1500 Arbeitsplätze finanzieren

Patricia Pätzold

„Aus einem mit Landesgeld geschaffenen Arbeitsplatz machen wir teilweise zwei“, konnte kürzlich TU-Präsident Kurt Kutzler zufrieden vermelden. Der Stolz ist nicht grundlos. Die Technische Universität kann sich mit Fug und Recht als „Jobmaschine“ bezeichnen. Sie verweist dabei nicht nur auf die vielen Arbeitsplätze, die junge TU-Gründer in der Region geschaffen haben – mittlerweile sind es 6200 mit einem Umsatz von über 900 Millionen Euro allein in Berlin. Auch an der Universität selbst arbeiten mehr als 1500 Menschen, deren Job nicht aus dem Hochschuletat und damit auch nicht aus der Landeskasse bezahlt wird.

Diese Stellen finanzieren sich aus Drittmitteln: Geld, das durch Forscherinnen und Forscher aus der freien Wirtschaft, aus Stiftungen und aus der Forschungsförderung eingeworben wird. Durch die starken Ingenieurwissenschaften ist die TU Berlin dabei besonders erfolgreich. Rund 800 Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler werden in diesem Jahr aus Drittmitteln finanziert. Das sind erstmals genauso viele, wie die TU mit ihren Staatszuschüssen bezahlt.

Aus dem Exzellenzprogramm

Ohne Drittmittel wäre auch in der Grundlagenforschung einiges nicht möglich. „Ich würde ohne die externen Mittel gar nicht an der TU existieren", sagt die Physikerin Sabine Klapp. Sie beschäftigt sich am Institut für Chemie mit der Struktur und dem Phasenverhalten von komplexen Flüssigkeiten. Die 33-jährige Wissenschaftlerin untersucht dabei die Wechselwirkungen zwischen mikroskopischen Eigenschaften. Diese Systeme werden mit Methoden der Statistischen Physik untersucht. Die Nachwuchsgruppe, die Sabine Klapp an der TU Berlin leitet, wird aus dem „Emmy-Noether-Programm“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert.

Das Programm ermöglicht es exzellenten Wissenschaftlern, maximal sechs Jahre lang selbstständige Forschungen zu betreiben, um im Anschluss daran direkt auf einen Lehrstuhl berufen werden zu können. Dafür zahlt die DFG ihr, außer ihrem eigenen Gehalt, die erforderlichen Sachmittel und die notwendige personelle Ausstattung wie etwa die beiden Doktoranden der Gruppe. Eine Aufnahme in solche Programme belegt zudem die Qualität der Forschungsarbeit. „Ich sehe es auch als Auszeichnung“, betont die Physikerin.

Auch in den Sozialwissenschaften entstehen Arbeitsplätze durch Drittmittel. Seit mittlerweile drei Jahren leitet Petra Klumb ihre interdisziplinäre Nachwuchsgruppe zum Thema „Arbeit in Beruf und Familie", an dem mehrere TU-Institute beteiligt sind. Die Psychologin und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter suchen nach den geschlechtsspezifisch wirkenden Faktoren, die den Zusammenhang zwischen Belastungen und Gesundheit vermitteln und verändern. Anders als vor einigen Jahren fragt die Gesundheitswissenschaft heute bei der Suche nach Krankheitsrisiken nicht mehr nur nach einzelnen Einflussfaktoren, sondern sie betrachtet die ganze Lebensweise eines Menschen, um seinen Gesundheitszustand zu erklären. Der Entscheidungsspielraum am Arbeitsplatz beispielsweise, der für Männer größer zu sein scheint als für Frauen, ist für das Wohlbefinden nicht unerheblich. Finanziert wird Petra Klumb von der „VolkswagenStiftung", der größten gemeinnützigen Stiftung privaten Rechts in Deutschland, die Forschung und Lehre in Wissenschaft und Technik fördert.

Am erfolgreichsten beim Einwerben von Drittmitteln an der TU Berlin sind die Ingenieurwissenschaften. Seit vier Jahren fördert zum Beispiel der Verband der Automobilindustrie (VDA) eine Wissenschaftlergruppe, die das dynamische Verhalten und die Belastungsgrenzen von Keilrippenriemen erforscht. Der Diplom-Informatiker Nico Bestanpouri entwickelt mit weiteren Projektmitarbeitern auf Kosten der Autobauer und mit dem Know-How aus 20 Jahren Riemenforschung des Fachgebiets Konstruktionslehre der TU Berlin eine Computer-Software, die es ermöglicht, Belastungs- und Abnutzungsversuche virtuell zu simulieren.

Es spricht sich herum

Die Autobauer sparen dabei viel Gummi und vor allem viel Zeit für Versuche. „Gute Voraussetzung, um Mittelgeber aus der Industrie zu gewinnen, ist ein Produkt, das sich an dem industriellen Standard orientiert“, erklärt Bestanpouri. Die am Fachgebiet entwickelte Software namens SIM-DRIVE 3D ist inzwischen dermaßen erfolgreich, dass Automobilhersteller auf der ganzen Welt sie kaufen wollen.

„Ohne die Unterstützung aus der Wirtschaft wären solche Entwicklungen kaum realisierbar“, stellt der TU-Wissenschaftler klar. Für die Vermarktung der Software gründeten drei Ingenieure aus dem Projekt unter der Leitung von Oberingenieur Frank Wölfle vor einigen Monaten die Ingenieurgesellschaft „CONTECS engineering services GmbH“. Und die wird noch neue Mitarbeiter brauchen – womit sich der Kreislauf schließt.

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