Wilhelm von Humboldt : Tief im Bau der Sprachen

Niemand ist tiefer in den Bau der Sprachen eingedrungen als Wilhelm von Humboldt: Warum seine Studien ins Humboldt-Forum gehören.

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Ein Mann steht auf der Bühne, ein Mann und eine Frau sitzen auf der Bühne, im Hintergrund wird das historische Porträt eines Mannes projeziert.
Sprachspieltrieb. Bas Böttcher, Mandana Seyfeddinipur und Jürgen Trabant (v.l.n.r.) feiern beim Nachtsalon im Humboldt-Forum den...Foto: Dorothee Nolte

„Die Macht der Sprache, das macht die Sprache“: Bas Böttcher beherrscht sie, die Sprache, und lässt sich bereitwillig von ihr beherrschen. Wenn der Poetry-Slammer seine witzig-wunderbaren Sprachkunstwerke vorträgt – wie zuletzt im Nachtsalon des Humboldt-Forums unter dem frisch rekonstruierten Eosanderportal – dann tanzen die Neuronen im Gehirn der Zuhörer, der Sprachspieltrieb erwacht und unterschwellig wird klar: Sprachen sind mehr als „Schälle und Zeichen“, die ein- und denselben Gedanken auf unterschiedliche Weise ausdrücken, sind mehr als ein Abbild der äußeren Welt.

In ihnen und durch sie bildet sich unser Denken, sie sind, in den Worten Wilhelm von Humboldts, „Weltansichten“, wertvolle Schöpfungen des menschlichen Geistes, deren Vielfalt es zu feiern gilt. Darum ist auch jede Sprache, die ausstirbt, ein Verlust für die Menschheit.

In den letzten 15 Lebensjahren widmete sich Humboldt seinen Sprachstudien

Ja, auch Wilhelm von Humboldt – nicht nur sein weit gereister Bruder Alexander – ist Namensgeber des Humboldt-Forums, und das macht die Sprache, die Macht der Sprache. Denn Humboldt (1767–1835) hat sich, nachdem er als Bildungsreformer, Uni-Gründer und Diplomat gewirkt hatte, in seinen letzten 15 Lebensjahren auf Schloss Tegel vor allem mit Sprachstudien beschäftigt und darüber regelmäßig Vorträge vor der Berliner Akademie gehalten.

Niemand, schrieb Alexander von Humboldt über seinen Bruder nach dessen Tod, habe mehr Sprachen gekannt und sei „tiefer in ihren Bau eingedrungen“. Wilhelm von Humboldt gilt deswegen als Begründer der vergleichenden Sprachforschung. Er untersuchte, nachdem sein Interesse bereits im Jahr 1799 durch das Baskische geweckt worden war – es ist mit keiner europäischen Sprache verwandt –, Dutzende Sprachen, vom Nahuatl über das Koptische und Malaiische bis zur antiken Kawi-Sprache auf Java.

Zum 250.Geburtstag ist eine Edition der Sprachstudien erschienen

Veröffentlicht wurde davon zu Lebzeiten jedoch wenig, und rezipiert wurden später fast nur seine sprachphilosophischen Überlegungen. Erst jetzt, zu seinem 250. Geburtstag, liegen Humboldts sprachwissenschaftliche Werke fast vollständig in einer historisch-kritischen Edition vor. Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) hat in einem DFG-geförderten Projekt zehn Bände abgeschlossen – und feierte das zum Jubiläum mit einer Fachtagung. Die Wissenschaftler um Jürgen Trabant, Bettina Lindorfer, Manfred Ringmacher und Ute Tintemann haben die Handschriften Humboldts, die in Krakau und Berlin lagern, transkribieren lassen und ausführlich kommentiert.

Vollständig herausgegeben sind nun etwa die Werke zu den amerikanischen Sprachen: Insgesamt hat Humboldt 25 grammatische Beschreibungen von Indianersprachen Amerikas erstellt, teilweise auf der Basis von Material, das Alexander ihm von seiner Südamerikareise mitgebracht hatte. Im Zentrum der anderen Bände stehen Humboldts Studien zum Baskischen, zum Sanskrit, Altägyptischen, Chinesischen, Altjawanischen und anderen Sprachen.

Wilhelm von Humboldt war in die wissenschaftlichen Diskussionen seiner Zeit eingebunden, er korrespondierte mit vielen Wissenschaftlern wie Franz Bopp oder dem Amerikaner John Pickering und ließ sich Grammatiken und Sprachzeugnisse aus aller Welt schicken.

Intensiver Austausch - nachzulesen in der neuen Briefdatenbank

Wie intensiv er sich austauschte, zeigt die jetzt freigeschaltete Briefdatenbank. „Das Bild des einsamen Forschers auf Schloss Tegel ist damit eindeutig widerlegt“, sagte Ute Tintemann (BBAW) bei der Tagung. Die Datenbank wird allerdings fragmentarisch bleiben, da die DFG-Förderung für das ganze Projekt Ende des Jahres ausläuft.

Humboldt war es auch, der früh erkannte, dass Jean-François Champollion mit seiner Entzifferung der Hieroglyphen auf dem richtigen Weg war. Er machte dessen Forschungen in Berlin bekannt und trug auf diese Weise dazu bei, so der Ägyptologe Tonio Sebastian Richter (Freie Universität), dass die Ägyptologie in Berlin einen Aufschwung nahm.

Goethe war ein Freund, aber an der Sprachforschung nicht interessiert

Fast vier Jahrzehnte lang korrespondierte Humboldt mit Goethe. Der interessierte sich allerdings nicht für Sprachforschung; zwar schickte ihm Humboldt immer wieder Abschriften seiner Akademiereden, aber Goethe kommentierte sie nie und las sie offenbar auch nicht, wie der Literaturwissenschaftler Ernst Osterkamp (Humboldt-Universität) sagte.

Wie steht es mit dem Interesse der Linguisten heute? Auch nicht zum Besten. In deutschen und internationalen Einführungen in die Sprachtypologie tauche Humboldts Name nur am Rande oder gar nicht auf, berichtete der Linguist Thomas Stolz (Universität Bremen). Humboldts Ansatz, empirisch-grammatische Studien mit philosophischen Überlegungen zur „Weltansicht“ der jeweiligen Sprachgemeinschaft zu verbinden, ist vielen modernen Linguisten nicht geheuer.

"Durch die Mannigfaltigkeit der Sprachen wächst uns der Reichtum der Welt"

Dass die heutige vergleichende Sprachwissenschaft ihren Gründer weitgehend vergessen hat, ficht die Wissenschaftler rund um das Editionsprojekt nicht an. Sie sind durchdrungen von dem Humboldt’schen Gedanken, der auch im Nachtsalon des Humboldt-Forums mit Jürgen Trabant, Bas Böttcher und der Londoner Sprachforscherin Mandana Seyfeddinipur immer wieder durchklang: „Durch die Mannigfaltigkeit der Sprachen wächst unmittelbar für uns der Reichtum der Welt und die Mannigfaltigkeit dessen, was wir in ihr erkennen; es erweitert sich zugleich dadurch für uns der Umfang des Menschendaseins.“

Dass in der Gegenwart so viele Sprachen sterben – alle zwei Wochen eine – reduziert demnach den „Umfang des Menschendaseins“. Oder, wie Mandana Seyfeddinipur sagte: „Unsere Museen sind voll von Objekten aus früheren Tagen – doch das Wissen über diese Objekte steckt in den Sprachen!“

Wie Neil MacGregor, Leiter der Gründungsintendanz des Humboldt-Forums, das Erbe Wilhelm von Humboldts einordnet, lesen Sie hier.

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