Wilhelm von Humboldt : „Wir können nicht denken, ohne zu fühlen“

Wilhelm von Humboldt, der vor 250 Jahren geboren wurde, als Pionier der Geschlechterforschung? Sexualmediziner Klaus M. Beier erklärt, warum Humboldt für sein Fach interessant ist.

Das Bild zeigt das Porträt eines Mannes in einer historischen Lithographie.
Wilhelm von Humboldt - Lithographie von Franz Krüger.Foto: Wikimedia

Herr Beier, warum finden gerade Sie als Sexualmediziner Wilhelm von Humboldt interessant? Die Wilhelm-von-Humboldt-Stiftung, die Sie gegründet haben, widmet sich der Sexualwissenschaft.
Schon Iwan Bloch, einer der Väter der Sexualwissenschaft, hat sich an Wilhelm von Humboldt orientiert und bewundernd hervorgehoben, dass dieser eine „Geschichte des Hetärentums“ – also der Prostitution – schreiben wollte, die Bloch dann 1914 selbst verfasst hat. Und es trifft auch zu: Humboldt hat in seinen Aufsätzen über den Geschlechtsunterschied Thesen aufgestellt, die noch heute Bestand haben. Demnach ist der Geschlechtsunterschied der allererste, grundlegende Unterschied, an dem Menschen ihre Begrenztheit erfahren: Dem einen Geschlecht anzugehören, bedeutet, von einer „gewissen Anzahl“ an Merkmalen des anderen Geschlechts ausgeschlossen zu sein. Differenzen sind aber aus seiner Sicht etwas Positives, nämlich die Voraussetzung für die Hervorbringung des Neuen. Die Begrenztheit lässt sich durch respektvollen Dialog überwinden, die Erweiterung erfolgt durch den jeweils anderen. Das ist alleine nicht zu schaffen: Wir sind auch neurobiologisch auf Bindung programmiert, das prägt nicht nur unsere Sexualität, sondern auch unsere Wahrnehmung der Welt und unser Denken.

Humboldt als früher Sexualwissenschaftler – das passt nicht zu dem Bild, das man gemeinhin von ihm hat. Er ist ja eher für seine Bildungsreform, die Universitätsgründung und seine Sprachstudien bekannt.

Wenn wir auf diesen fundamentalen Aspekt seines Verständnisses vom Menschen hinweisen, wird das leider allzu leicht als Beschädigung eines Säulenheiligen verstanden. Dabei ist es andersherum: Humboldt war mutig in seiner Themenwahl und unerschrocken in seinen Schlussfolgerungen, er hat früher als andere erkannt, dass, wie er sagt, selbst der Gedanke ursprünglich ein „Sprössling der Sinnlichkeit“ ist. Oder modern gesagt: Es gibt keine Kognition ohne Emotion. Wir können gar nicht denken, ohne dass unsere Gefühle beteiligt sind. Mit dieser biopsychosozialen Herangehensweise hat Humboldt ein Gegenmodell zum rationalistischen Kant entworfen und ist damit viel näher an die soziale Wirklichkeit der Menschen herangerückt.

Porträt eines Mannes.
Klaus M. Beier ist Direktor des Zentrums für Sexualmedizin an der Berliner Charité, Psychoanalytiker und Gründer der...Foto: Promo

Die von Ihnen begründete Stiftung nennt Wilhelm von Humboldt gar einen „Vordenker der Geschlechterforschung“. Warum?

Humboldt hat das Männliche und das Weibliche als unterschiedliche, aber gleichwertige Kräfte definiert, die sich begegnen, aufeinander einwirken und nur gemeinsam Neues schaffen können. Und dies obwohl es zu seiner Zeit üblich war, das Männliche als höherwertig zu begreifen. Für ihn war es eben kein Widerspruch, von der Gleichwertigkeit der sich unterscheidenden Geschlechter auszugehen und deren Differenz als Voraussetzung für Entwicklung anzusehen.

Das Männliche so, das Weibliche anders – traditionell werden solche Zuschreibungen zum Nachteil der Frauen ausgelegt: Ich als energischer Mann bin erfolgreich und du als treusorgende Frau hältst mir den Rücken frei.

Das wäre ein Missverständnis, da solche Festlegungen mit dem Humboldt’schen Dialogmodell gerade nicht vereinbar wären. In einer gelungenen Beziehung wollen beide Partner die Entwicklung des jeweils anderen fördern, genau wie Wilhelm und Caroline von Humboldt es tatsächlich gelebt haben. Geschlechtszugehörigkeit ist nur ein Merkmal unter vielen, welche die Individualität eines Menschen ausmachen. Und da sagt uns Humboldt, dass wir den anderen brauchen, um diese individuellen Potenziale zu entfalten. Insofern wäre es ein Anliegen, die Entwicklung der Partnerin bis zur Unternehmenschefin oder Spitzenpolitikerin oder was auch immer zu fördern – wenn das entsprechende Potenzial in ihr auf Entfaltung drängt.

Und dass passt dann auch zur Universität.

Ja, Humboldts Kerngedanke für die Universität liegt darin, die freie Entwicklung der inneren Kräfte der Studierenden – damals waren das allerdings nur Männer – im Austausch mit den Lehrenden zu fördern.

Das Gespräch führte Dorothee Nolte.

Wie Wilhelm von Humboldt zu Geschlechtergerechtigkeit und offener Ehe stand, lesen Sie hier.

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