Unterrichtet werden sie oft von Quereinsteigern - ohne Vorbereitung

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Willkommensklassen für Flüchtlinge : Schwieriger Start an deutschen Schulen
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Bei Cornelsen suche man fieberhaft nach Antworten, sagt Groh. Eine Website ist im Aufbau, auf der Schulbuchliteratur für Integrationsklassen gesammelt werde. Das preisgekrönte Mathematikbuch „eins zwei drei“ und das Deutschbuch „der die das“ richten sich speziell an Schüler mit Sprachförderbedarf. Auch Bildkarten zum Deutschlernen werden angeboten.

In der Praxis zeigt sich aber, dass Lehrer in Willkommensklassen ihre Unterrichtsmaterialien immer noch mühsam zusammensuchen müssen. Und das, wo ihr Alltag ohnehin schon strapaziös ist. Weil der Bedarf an Lehrkräften so groß ist, werden sie häufig als Quereinsteiger berufen und ins kalte Wasser geschmissen. „Fortbildungen finden oft erst dann statt, wenn die Lehrer bereits im Unterricht stehen“, sagt Robin Schulz-Algie, der in seiner Master-Arbeit die Beschulung junger Flüchtlinge in Berlin untersucht hat. Die Wartelisten für Fortbildungen seien lang. Außerdem könnten die Lehrkräfte auf kein festes Curriculum zurückgreifen. „So ist Qualitätssicherung schwierig.“

Nach einem Jahr in die Regelklasse - mit vielen Problemen

GEW-Chefin Marlis Tepe hat auf ihrer Reise durch Willkommensklassen auch mit vielen Lehrern gesprochen. Gut ausgebildete Lehrkräfte mit interkulturellem Wissen seien sehr gesucht. „Ohne Vorbereitung sind viele Lehrer überfordert“, sagt Tepe. Die GEW mahnt die Länder, Fortbildungen nicht nur für Lehrer anzubieten, die auch wirklich in Willkommensklassen unterrichten, sondern das gesamte Lehrpersonal einzubeziehen. Schließlich sei es das Ziel, die Flüchtlingskinder nach einem Jahr in den Regelunterricht zu integrieren. Dann seien die interkulturellen Kompetenzen aller Lehrer gefragt. „Deutsch als Zweitsprache muss als Querschnittsmaterie gelehrt werden und auch interkulturelles Wissen beinhalten“, sagt Marlis Tepe.

Schule muss außerdem weiter gedacht werden. Der Schultag ist mit dem Pausengong nicht zu Ende. Zur Schule zu gehen, bedeutet auch, Hausaufgaben mit nach Hause zu nehmen, daheim Vokabeln zu büffeln und Referate vorzubereiten. Genau das gestaltet sich bei Flüchtlingskindern oft als sehr schwierig, sagt Tobias Klaus von Pro Asyl: „Die Unterbringungssituation von Flüchtlingskindern ist oft ein immenses Hindernis beim Lernen. Viele haben ein Lernumfeld, das von Lärm und Enge geprägt ist.“ In Mehrbettzimmern sei oft kein Platz zum Lernen, nachts fiele es vielen Kindern schwer zu schlafen.

Die Schüler sind hochmotiviert, Deutsch zu lernen

Dass Flüchtlingskinder im ersten Schuljahr nicht gemeinsam mit deutschen Kindern unterrichtet werden, wird von vielen Seiten kritisiert: Das sei Segregation und daher diskriminierend. Robin Schulz-Algie hat in seinen Interviews genau das Gegenteil gehört: Viele Schüler mit Fluchterfahrung seien überfordert, sobald sie in die Regelklassen kommen. Schulz-Algie glaubt, dass der Übergang anders gestaltet werden müsse. „Es darf keinen Cut geben, sondern einen stufenweisen Übergang, mit intensiver Begleitung“, sagt der Kinderrechtler.

Marlis Tepe hat mittlerweile ihre Reise durch das deutsche Bildungssystem abgeschlossen. Vor allem zwei Bundesländer hätten sich verdient gemacht. „Schleswig-Holstein hat viel Geld in die Hand genommen und 220 Stellen geschaffen, um auch in den Erstaufnahmezentren und in den Schulen mehr Unterricht für Flüchtlinge anbieten zu können“, sagt Tepe. Bayern habe aus seiner Erfahrung mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen gelernt, die oft ohne Ausbildung nach Deutschland kommen. Das Ende der Schulpflicht ist in Bayern deshalb am weitesten gefasst. Bis zum Alter von 25 Jahren dürfen junge Flüchtlinge hier eine Schule besuchen.

Eines steht für Tepe nach ihrer Reise jedenfalls fest: Motivieren müssen die Lehrer ihre Schüler nicht mehr. „Wie polnische, syrische, kurdische und albanische Kinder mit Feuereifer gemeinsam Deutsch lernen, hat mich tief beeindruckt“, sagt Tepe. Wie Politiker ihr Modell getauft haben, ob Willkommensklassen, Übergangsklassen oder Sprachlernklassen, ist dann am Ende gar nicht mehr so wichtig.

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