Wissen : „Wir wollen Embryonen auswählen“

Der Reproduktionsmediziner Hans-Rudolf Tinneberg fordert, die gesetzlichen Regelungen für die künstliche Befruchtung zu ändern

Herr Tinneberg, auf der Konferenz, zu der sich Fortpflanzungsmediziner in Berlin trafen, wurde deutlich: Deutschlands Reproduktionsmediziner sind unzufrieden mit dem Rahmen, den die Gesetze für ihre Arbeit stecken. Was gefällt Ihnen nicht?

Das 1991 verabschiedete Embryonenschutzgesetz sieht vor, dass bei einer künstlichen Befruchtung nur so viele Embryonen erzeugt werden dürfen wie später in den Mutterleib übertragen werden. Das sind maximal drei, bei Frauen unter 38 Jahren sogar nur zwei. Auch damit kommt es noch zu vielen Mehrlingsschwangerschaften, die ein Risiko für Mutter und Kind darstellen. Wir wünschen uns, dass wir die besten Blastozysten, also Embryonen, die schon mehrere Tage im Reagenzglas gereift sind, für die Einpflanzung auswählen dürfen. Natürlich sollte das mit Augenmaß geschehen: Wie wir aus Studien wissen, verspricht es den größten Erfolg, wenn wir fünf Eizellen befruchten dürften. Dann könnten wir die besten unter ihnen auswählen und die übrigen einfrieren, wie das in anderen Ländern üblich ist.

Haben die behandelten Paare durch die deutsche Regelung Nachteile?

Eine schwierige Frage. Einerseits sind unsere Schwangerschaftsraten hoch. Andererseits bedrücken uns die Fetozide, also die gezielten Tötungen von Ungeborenen noch im Mutterleib, die bei Mehrlingsschwangerschaften manchmal nötig sind, um wenigstens eines der Kinder zu retten. Wir haben allerdings auch darüber gesprochen, dass wir dazu noch keine hieb- und stichfesten Zahlen vorweisen können. Wir meinen jedoch, dass wir bessere Erfolge erzielen könnten, wenn wir Blastozysten gezielt auswählen dürften. Bessere Erfolge heißt: Eine höhere Chance auf eine Schwangerschaft bei niedrigeren Mehrlingsraten.

Die Bundesärztekammer moniert in einer aktuellen Stellungnahme, dass die Regelungen auf zu viele Gesetze verteilt seien: Embryonenschutzgesetz, Stammzellgesetz, Transplantationsgesetz, demnächst vielleicht noch ein eigenes Gendiagnostikgesetz. Die rechtlichen Rahmenbedingungen seien in diesem Bereich „absolut undurchsichtig“, sie würden Ärzte und Patienten gleichermaßen verunsichern. Deutschland brauche möglichst bald ein eigenes Gesetz zur Fortpflanzungsmedizin. Sind Sie auch dieser Meinung?

Ja, aber es müsste dann schon ein ausgesprochen kluges und weises Gesetz sein, das Raum für zukünftige Entwicklungen lässt. Damit keine Missverständnisse entstehen: Ich wünsche mir kein schrankenloses Gesetz.

Was sollte erlaubt sein?

Wir halten es für wichtig, dass die genetische Untersuchung einzelner Zellen der befruchteten Eizelle vor ihrer Einpflanzung – die Präimplantationsdiagnostik, PID – in bestimmten Fällen erlaubt wird. Die Methode sollte eingesetzt werden dürfen, um gezielt bestimmte Krankheiten auszuschließen, wenn die Eltern um ihr genetisches Risiko wissen und das wünschen. Meiner Ansicht nach haben die Eltern ein Recht auf dieses Wissen. Doch in Deutschland stellen wir die Schutzwürdigkeit des frühen Embryos außerhalb des Mutterleibs über die des Feten, der schon in der Gebärmutter heranreift – wir verbieten zwar die PID, aber nicht die Diagnostik, die erst später beim Feten im Mutterleib möglich ist. Das geht an den Bedürfnissen der betroffenen Familien und am moralischen Empfinden vieler Menschen vorbei.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ich habe schon Frauen in meiner Sprechstunde gehabt, die sich ein Kind wünschten, obwohl sie wussten, dass sie und ihr Partner eine genetische Belastung für eine schwere Krankheit in sich trugen. Sie hätten eine künstliche Befruchtung auf sich genommen, um eine PID machen zu können. Eine von ihnen, eine gläubige Katholikin, sagte mir, eine PID komme für sie infrage, eine „Schwangerschaft auf Probe“, die nach späteren Tests womöglich abgebrochen würde, sei für sie aber undenkbar.

Das sind besonders belastende Einzelfälle. Aber besteht nicht die Gefahr eines ethischen Dammbruchs?

Ich denke, man kann sich schon deshalb für den Einsatz der PID aussprechen, weil sie niemals eine Routinemethode für alle werden wird. Die Diskussion über die Gefahr, „Designer-Babys“ zu erzeugen, gilt unter Fachleuten inzwischen als veraltet. Uns geht es allein darum, den betroffenen Paaren zu helfen. Und inzwischen raten uns einige Juristen schon, auf dem Weg der Selbstanzeige Präzedenzfälle zu schaffen, die dann vor Gericht entschieden werden müssen.

Die moderne Reproduktionsmedizin hat mit der Befruchtung außerhalb des Mutterleibs die Voraussetzung für die Erzeugung embryonaler Stammzellen geschaffen. Über deren Erzeugung und Nutzung wird erbittert gestritten. Geht es Ihnen wie dem Zauberlehrling, der die Folgen der eigenen Arbeit nicht mehr beherrscht?

Das kann ich klar verneinen. Zunächst halte ich die gesamte regenerative Medizin für extrem wichtig, weil wir bei vielen Krankheiten mit unseren heutigen Heilmethoden kaum weiterkommen. Als Arzt habe ich das große Bedürfnis zu heilen, und ich finde, dass wir uns die Chancen nicht entgehen lassen, die in der Verwendung von Stammzellen stecken. Die embryonalen Stammzellen brauchen wir dabei in der Grundlagenforschung, um zu lernen, wie man adulte Stammzellen aus dem Körper des Patienten umprogrammieren könnte. Die Zukunft liegt in der ethisch wesentlich weniger bedenklichen Nutzung von Stammzellen aus Nabelschnurblut oder anderen adulten Stammzellen.

Diese Ansicht hat auf dem Kongress auch der britische Fortpflanzungsmediziner Robert Edwards, der „Vater“ des ersten „Retortenbabys“, vertreten. Zugleich hat Edwards aber mit seiner Kritik an der Situation in Deutschland nicht hinter dem Berg gehalten: Es sei absurd, wenn man sich wie die Deutschen unschuldig fühle, weil man embryonale Stammzellen nur in Ausnahmefällen importiere statt sie selbst im Land zu erzeugen.

Auf internationalen Treffen erleben wir immer wieder, dass Wissenschaftler aus dem Ausland das nicht verstehen. Man hört oft: Ihr Deutschen seid sonst so klar und prägnant, warum kommt Ihr hier nicht zu einer wissenschaftsfreundlicheren Regelung? Mit dem Stammzellgesetz von 2002 hat man sich in Deutschland auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt. Dabei spielt es sicher eine Rolle, dass es für viele schwer ist, sich von der Belastung durch unsere Geschichte zu lösen. Andererseits zeigen Studien von Medizinsoziologen unseres Uniklinikums in Marburg: Die Bevölkerung ist mehrheitlich dafür, dass überzählige Embryonen für die Erzeugung embryonaler Stammzelllinien genutzt werden.

Solche überzähligen Embryonen dürften aber doch gar nicht existieren, wenn man das ernst nimmt, was Sie zu Beginn sagten: Alle Embryonen werden eingepflanzt.

Das ist ein schwieriges Thema. In Deutschland werden Eizellen eingefroren, in die bereits eine Samenzelle eingedrungen ist, die Eizelle befindet sich dann im Vorkernstadium. Um zu einem Embryo zu reifen, bräuchte sie mehrere Stunden. Davor ist sie eben noch kein Embryo. Embryonen dürfen in Deutschland nur in Notsituationen eingefroren werden, wenn eine Frau nach einer Hormonbehandlung etwa ein Überstimulationssyndrom erleidet. Eine Übertragung der Embryonen würde sie lebensgefährlich bedrohen. Wenn sie die Behandlung später nicht fortsetzen möchte, werden die Embryonen auf unabsehbare Zeit aufbewahrt.

Das Gespräch führte Adelheid Müller-Lissner.

Hans-Rudolf

Tinneberg
(57) ist

Direktor der Frauenklinik des Uniklinikums Gießen und Marburg und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin.

0 Kommentare

Neuester Kommentar