• Wirtschaft will ausländische Studierende halten: Kritik an Betreuung durch die Hochschulen

Wirtschaft will ausländische Studierende halten : Kritik an Betreuung durch die Hochschulen

Zu wenig ausländische Studierende bleiben hier, zu wenig deutsche Studierende gehen ins Ausland. Das kritisiert der Stifterverband - und empfiehlt bessere Betreuung - sowie ein Mobilitätsfenster im Studienplan.

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Eine junge Frau und ein junger Mann arbeiten an einer Druckmaschine. Foto: dpa
Begehrte Fachkräfte. Zu viele ausländische Studierende brechen ab oder gehen nach dem Studium in Deutschland wieder in ihre...Foto: dpa

Erst unlängst hat Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) gelobt, die Internationalisierung der Hochschulen verlaufe erfreulich. Anlass war der neue Bericht zur Bolognareform. Ein deutlich kritischeres Urteil fällen jetzt der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft und McKinsey. Zwar entwickelten sich die meisten Zahlen zur Studierendenmobilität positiv, sagte McKinsey-Direktor Jürgen Schröder: „Aber die Hochschulen fahren nur mit halber Kraft. Es geht zu langsam voran.“ Der Stifterverband und McKinsey stellten am Mittwoch in Berlin ihren langfristig angelegten „Hochschulbildungsreport 2020“ vor, der die deutsche Universitätslandschaft analysiert und Empfehlungen gibt.

Inzwischen stamme zwar jeder fünfte Studienanfänger aus dem Ausland – Prognose steigend, wie Volker Meyer-Guckel vom Stifterverband sagte. Für das Jahr 2025 würden sogar 40 Prozent Bildungsausländer erwartet. „Diese Studierenden sind kein Nischenphänomen, sondern eine relevante Größe für die Grundfinanzierung der Hochschulen.“ Umso dramatischer seien aber die hohen Abbruchquoten. 41 Prozent der Immatrikulierten ohne deutschen Pass schaffen es nicht bis zum Abschluss. „Wenn es gelingt, diese Quote auf das Niveau der deutschen Studienabbrecher zu senken, auf 28 Prozent, bedeutet das jährlich 10 000 potenzielle Fachkräfte für den deutschen Arbeitsmarkt“, sagte Meyer-Guckel.

Nur 44 Prozent bleiben in Deutschland

Doch was, wenn die Absolventen lieber wieder in ihre Heimat zurückgehen? Laut Modellrechnung kostet es den deutschen Staat 134 000 Euro, einen oder eine Studierende aus dem Ausland in Deutschland auszubilden – dreimal mehr als die 45 500 Euro pro deutschem Studierenden. Eine geringe Verbleibequote von derzeit 44 Prozent bedeutet, jedenfalls aus der ökonomischen Perspektive des Reports, also eine Verlustrechnung für Deutschland. Mittelfristig solle ein Ziel von 52 Prozent angestrebt werden.

Die Empfehlungen zielen auf bessere Betreuung. Hochschulen, Unternehmen und Arbeitsmarktakteure wie die IHK müssten Bildungsausländer früher anwerben: „Ein Career Center für Absolventen reicht nicht“, sagte Meyer-Guckel: „Die Entscheidung für den Job fällt im Studium, etwa während eines Praktikums.“ Wichtig sei auch die Qualitätssicherung vor Studieneintritt. Anders als etwa in den USA, wo es den standardisierten Einstufungstest „SAT“ gebe, seien die hiesigen Universitäten zu nachlässig. Wenige verlangten das deutsche Äquivalent „Testas“. Dabei senkten solche Tests die Einstiegshürden in das Unisystem, weil sie es berechenbar machten. Auch an die Politik appellierten Meyer-Guckel und Schröder: Der Bund müsse in die strategische Finanzierung einsteigen, etwa bei Studienplatzkontingenten für Studierende aus Krisenstaaten oder für Mangelfächer.

Für viele ist ein Auslandsstudium unattraktiv

Die Immobilität der deutschen Studierenden kritisiert der Report ebenfalls. Nur etwa sechs Prozent gehen ins Ausland; die Zahl stagniert demnach. 13 Prozent absolvieren ein Praktikum in einem anderen Land (2001: 17 Prozent). Zu viele gehen nur zu den Nachbarn, nach Österreich, in die Schweiz und die Beneluxstaaten. Die Fremdsprachenkenntnisse und das interkulturelle Verständnis, das die Arbeitgeber einfordern, sei dort aber eher nicht zu erwerben, hieß es.

Dass das Auslandsstudium für viele Deutsche unattraktiv ist, hat finanzielle und zeitliche Gründe. Hoch sind die Hürden vor allem für Studierende mit bildungsfernem Hintergrund. Nur jede Zehnte geht hier ins Ausland – gegenüber jeder sechsten Person aus einer bildungsnahen Familie. Die Forderung: garantiertes und höheres Bafög. „Nötig ist zudem ein Mobilitätsfenster im Studienplan“, sagte Meyer-Guckel. Der Bachelor sei mit sechs Semestern einfach zu straff geplant. Ein extra Semester für den Weg in die Fremde sollte „Standard“ sein.



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