Wirtschaftswissenschaften : Blind für den Absturz der Märkte

Ökonomen tun sich schwer, die Finanzkrise zu erklären. Von einem "systematischen Versagen" sprechen Kritiker. Es liegt in der Geschichte des Fachs, dass Wirtschaftswissenschaftler mit Krisen nicht umgehen können.

Alexander Nützenadel
Im freien Fall. Der Finanzmarktcrash ab 2007 hat auch die Wirtschaftswissenschaft in eine Krise gestürzt. Die Rede war vom „Versagen der Ökonomen“. Mit der Analyse von Krisen hatte sich in der Zunft seit langem kaum jemand beschäftigt. Foto: picture-alliance/ dpa
Im freien Fall. Der Finanzmarktcrash ab 2007 hat auch die Wirtschaftswissenschaft in eine Krise gestürzt. Die Rede war vom...Foto: picture-alliance/ dpa

Die Ökonomen geben in der gegenwärtigen Finanzkrise keine gute Figur ab. Nach den eklatanten Fehlprognosen der vergangenen Jahre wird ihren Vorhersagen kaum noch Glauben geschenkt. Die Zunft wirkt, nicht zuletzt durch öffentlich ausgetragene Meinungsverschiedenheiten, tief gespalten. Allenthalben werden Forderungen nach einer methodischen Neuorientierung der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung laut. Von einem „systemischen Versagen“ spricht etwa der Kieler Professor Thomas Lux, während der Chefvolkswirt der Citigroup Willem Buiter der Disziplin mangelnde Praxisorientierung bescheinigt.

Der Großteil der theoretischen Beiträge, welche die Makroökonomie seit den 70er Jahren hervorgebracht habe, sei „bestenfalls eine selbstreferenzielle Nabelschau“ gewesen. Der Finanzmarktcrash hat also nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Wirtschaftswissenschaften in eine tiefe Krise gestürzt.

Allerdings stellt sich die Frage, ob die Rede vom Versagen der Ökonomen den Kern des Problems trifft. Es ist nämlich ein verbreitetes Missverständnis, dass sich die Wirtschaftswissenschaften besonders intensiv mit Krisen befassen. Schon ein Blick in Fachbibliografien und Bibliothekskataloge zeigt hingegen, dass der Krisenbegriff innerhalb der Disziplin fast keine Rolle spielt. Nur wenige Veröffentlichungen befassen sich explizit mit Krisen. Auch in vielen einschlägigen Nachschlagewerken taucht der Begriff überhaupt nicht mehr auf. Der amerikanische Ökonom Paul Wachtel konstatierte daher bereits vor Jahren, die Wirtschaftswissenschaften hätten „überhaupt kein theoretisches Rüstzeug, um mit dem Thema Krise umzugehen“.

Dieser Befund ist umso erstaunlicher, als die Ökonomie ursprünglich eine Krisenwissenschaft war. Die Klassiker der Nationalökonomie im 18. und 19. Jahrhundert befassten sich intensiv mit dem Krisenproblem. Verbreitete Armut und wiederkehrende Hungersnöte prägten die Erfahrungen der Europäer bis weit ins 19. Jahrhundert. Die meisten Ökonomen waren skeptisch, ob es den Gesellschaften gelingen könnte, sich dauerhaft aus dieser Lage zu befreien. So erkannte Adam Smith, der die Industrielle Revolution nicht mehr selbst erlebte, jenseits der internationalen Arbeitsteilung kaum Potenzial für wirtschaftliches Wachstum.

Robert Malthus’ Theorien sind von einem tiefen Pessimismus geprägt, da er dauerhaften Wohlstand angesichts begrenzter Ressourcen und demografischer Überschüsse für unmöglich hielt. Auch für Marx und Engels war der Krisenbegriff bekanntlich fundamental, um historischen Wandel zu erklären. Im deutschen Sprachraum hat sich schließlich auch die Historische Schule der Nationalökonomie intensiv mit Ursachen, Verlauf und Folgen von Wirtschaftskrisen befasst.

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