Wirtschaftswissenschaften : "Finanzkrise bietet dramatisches Anschauungsmaterial"

Riskante Geschäfte: Wie die Krise Forschung und Studium in der Ökonomie verändert. Eine Umfrage unter Berliner Wissenschaftlern.

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Wo ist das Geld hin? Forscher stehen vor vielen neuen Fragen.Foto: dpa

Michael Burda, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Humboldt-Universität



Die Wirtschaftswissenschaften müssen seit der Finanzkrise sicher nicht völlig umgeschrieben werden. Dass so etwas passieren kann, wussten wir ja aus der Geschichte. Es gab ja sogar Kollegen wie Nouriel Roubini und Robert Shiller, die schon vor Jahren auf die Überbewertung von Immobilien in den USA hingewiesen haben. Solche Hinweise habe ich auch in meiner Vorlesung vor drei Jahren gegeben. Volkswirte tun sich allerdings schwer, den genauen Zeitpunkt von solchen Krisen vorauszusagen. Außerdem will keiner ständig die Kassandra spielen. Manche Finanzierungsexperten waren sogar fasziniert von der vermeintlich genialen Art und Weise, wie in den USA mit Derivaten umgegangen wurde. Ein Austausch mit uns Makroökonomen über mögliche systemische Risiken hat kaum stattgefunden. Die Finanzkrise wird sich in der Wissenschaft sicher als Rückschlag für die von Milton Friedman geprägte Chicago-Schule herausstellen, wonach der Markt alles richtet. In Wirklichkeit funktionieren die Märkte erst dann, wenn man Informationen über die Produkte hat und über ihre Risiken informiert ist. Ich nehme an, Barack Obama wird eher auf den Rat von Wissenschaftlern hören, die eine intelligente Regulierung besser finden als keine. Möglicherweise wird jetzt auch die eine oder andere Business School stärker ethische Fragen in ihr Programm integrieren. Studierende, die später im Finanzsektor arbeiten wollen, müssen sich wohl mit geringeren Chancen und Bezügen abfinden. Einstige Traumziele wie London können sie sich abschminken. Trotzdem ist die Finanzierung auch in Zukunft ein sehr spannender Bereich, in dem sich durchaus viel Gutes für die Gesellschaft tun lässt.

Helge Berger, Professor für Geldtheorie und Geldpolitik an der Freien Universität

Auch viele Ökonomen hat kalt erwischt, wie groß das Ausmaß der globalen Vernetzung auf dem Finanzmarkt ist. Vor dem Knall haben sich nur wenige vorstellen können, in welchem Umfang Banken in Deutschland an den amerikanischen Krediten für finanzschwache Häuserbauer beteiligt sind. Eine Krise dieses Ausmaßes verändert die Forschungsagenda. Nicht alle Themen sind neu (dies ist ja auch nicht die erste Finanzkrise), aber bestimmte Fragen rücken jetzt ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Makroökonomen wie ich befassen sich verstärkt mit dem Zusammenhang von Geldpolitik und dem Finanzmarkt und der Finanzmarktaufsicht. Der Finanzmarkt ist global, seine Aufsicht aber nicht – das funktioniert nicht. Auch Konjunkturpolitik wird jetzt wieder zu einem interessanten Forschungsgegenstand. Die Skepsis gegenüber Konjunkturprogrammen bleibt, aber wenn sie denn kommen, muss man sie so effektiv wie möglich machen und daran erinnern, dass die Staatsschulden auch wieder zurückgeführt werden müssen. Unser Lehrprogramm ändert sich, umschmeißen müssen wir es wegen der Krise aber nicht. Die Professoren haben den Studierenden ja nie geraten, als spätere Banker faule Kredite aufzulegen – nicht mal die in den USA. Dass das passiert ist, ist eher das Ergebnis einer an sehr kurzfristigen Gewinnen orientierten Unternehmerpolitik. Unsere Studierenden müssen sich nun wegen der massiven Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt umorientieren. Schon jetzt ist festzustellen, dass die besten Leute nicht mehr nach Frankfurt oder London gehen.

Sigrid Müller, Professorin für BWL und Direktorin des Instituts für Finanzierung an der Humboldt-Universität

Von einigen Wissenschaftlern wurde die Abfolge der Ereignisse der Finanzkrise vorhergesagt, denn es gab ja Warnungen vor der Immobilienblase. Vielleicht gilt aber auch hier: Der Überbringer schlechter Nachrichten wird ungern gehört. Die Vertrauenskrise unter den Banken sowie der starke staatliche Einfluss im Bankenbereich ist neu. Ein großes Thema wird also die Frage, wie in Zukunft die Finanzierung über den Kapitalmarkt aussieht. Zur Zeit sind Börsengänge nicht möglich, Private Equity ist von der Krise erfasst und die Aktienkurse unterliegen starken Schwankungen. Ich lehre zur Zeit International Finance, einen englischsprachigen Kurs im Bachelor-Studiengang. In diesem Kurs habe ich stets auch die großen Finanzkrisen behandelt. Die augenblickliche Finanzkrise liefert dramatisches weiteres Anschauungsmaterial und gibt Anlass zu sehr guten Diskussionen. Verstärkt gehe ich auf Verbriefungen und die auf ihnen beruhenden Finanzprodukte ein. Eine Kenntnis der Konstruktionen ist für Studenten im Fach Finanzierung nötig, da sie in ihrem Berufsumfeld auf diese Konstrukte in der Abwicklung stoßen werden. Die Studierenden müssen verstehen, wie eine Politik des billigen Geldes zu einer vermehrten Suche nach Anlagen mit hoher Rendite führte. Ob Banken, Pensionskassen, Stiftungen, amerikanische Universitäten, Hedgefonds: Alle suchten die höchstrentierliche Anlage. Dabei gilt als Grundsatz der Finanzierung: Mit einer hohen erwarteten Rendite ist ein hohes Risiko verbunden. Das Geschäftsmodell der Banken wird sich ändern. Es gibt Verschiebungen zu anderen Geschäftsfeldern hin wie zum Beispiel der Vermögensverwaltung. Die Zukunftsaussichten für Universitätsabsolventen im Bereich Finanzierung sind nach meiner Ansicht weiterhin gut, wenngleich auch die Gehälter im Bankenbereich unter denen der letzten Jahre liegen werden.

Wolfgang L. Brunner, Professor für Bankbetriebslehre an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin

Die Finanzkrise – und die Fehler, die dabei gemacht wurden – spielen in diesem Semester bei mir in der Lehre eine wichtige Rolle. So habe ich eigens eine Vorlesung dazu konzipiert. Ich gehe schließlich davon aus, dass viele meiner Studierenden später Führungspositionen in Banken übernehmen wollen. Ob man Studierende wirklich darauf vorbereiten kann, später als Manager eine solche Krise vorherzusehen, ist allerdings schwer zu sagen. Ich habe selber länger bei Banken gearbeitet. Meiner Erfahrung nach ist das Fachwissen, das man an Hochschulen erwirbt, dort nur bedingt gefragt. Da geht es auch um Soft-Skills, gerade beim Verkaufen. Ich versuche, Studierenden beizubringen, die Komplexität ihrer Entscheidungen zu überschauen – etwa durch Fallstudien, bei denen sie unternehmerische Entscheidungen treffen müssen. Künftig sollte auch die ethische Komponente eine wichtigere Rolle im Wirtschafts-Studium spielen. Ich biete seit langem eine Vorlesung an zu der Frage, was die Integrität eines Managers ausmacht. Mit Studierenden besuche ich regelmäßig die Justizvollzugsanstalt Charlottenburg, wo sie den Ablauf eines Haftaufenthaltes kennenlernen. Von meinen Kollegen hat das bisher keiner gemacht. Jetzt sagen sie mir, dass sie das nun nachvollziehen können. Zur Forschung kann ich sagen, dass ich als Fachhochschulprofessor mich weniger mit Modellen, sondern mehr mit der Umsetzung konkreter Maßnahmen in die Praxis beschäftige.

Jörg Rocholl, Professor für Finanzierung an der European School of Management and Technology (ESMT) in Berlin

Dass die Finanzkrise sich international dermaßen schwer auswirken würde, haben auch in der Wissenschaft wohl wenige vorhergesehen. Auch mich hat das überrascht, obwohl ich bis 2007 an einer Business School in den USA gearbeitet habe. Das liegt daran, dass mehrere Punkte im Vorfeld übersehen wurden. Kaum vorstellbar war etwa, wie lax US-Banken ihre Kredite vergeben haben. Die Ironie der Geschichte: Die Krise hat uns Forschungsthemen für die nächsten zehn Jahre gegeben. Eine wichtige Frage wird sein, wie die Anreize für Managergehälter gestaltet werden müssen, damit Manager sich an langfristigen Erfolgen orientieren. In meiner Forschung befasse ich mich zur Zeit mit dem Interbankenmarkt – also mit der Frage, unter welchen Voraussetzungen sich Banken untereinander Geld leihen. Da das früher günstig möglich war, hat es bisher auch die Forschung nur am Rande interessiert. Unter unseren Studierenden sind Veranstaltungen zur Finanzkrise stark nachgefragt und wir reagieren darauf. Und auch von Business Schools in den USA weiß ich, dass sich die Finanzkrise bereits auf das Curriculum ausgewirkt hat. Früher waren dort die Klassen zum Investment Banking der Renner, weil sie einen schnellen Berufseinstieg etwa bei Lehman Brothers versprachen. Jetzt interessieren sich sehr viel weniger Studierende dafür, die Kurse mussten teilweise eingestellt werden. Sie konzentrieren sich dafür zum Beispiel auf Klassen für traditionelle Bankgeschäfte wie Kreditvergabe oder Vermögensberatung. Sie realisieren sehr schnell, was gut für ihre berufliche Perspektive ist und was nicht.

Protokolliert von Anja Kühne und Tilmann Warnecke

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