Wissen als Basis für Erfolg : Die Reformation und der Ruck für die Bildung

Jenseits des evangelischen Pfarrhauses und des "katholischen Mädchens vom Lande": Was wir von Martin Luther und Max Weber lernen können. Ein Gastbeitrag.

Hans-Joachim Meyer
Unsere Gastautoren George Turner und Hans Joachim Meyer.
Unsere Gastautoren George Turner und Hans Joachim Meyer.Fotos: Mike Wolff; Kai-Uwe Heinrich

Max Weber hat in seiner 1906 erschienenen Schrift „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ den Protestanten im Vergleich zu den Katholiken eine höhere Aktivität zugeschrieben, was zu einem Produktionsvorsprung evangelischer Regionen führe. Eine solche Aussage dürfte im Blick auf die Gegenwart eher überraschen, nicht zuletzt am Ende des Jahres, das sich im ökumenischen Miteinander des Reformationsbeginns durch Martin Luther vor 500 Jahren erinnerte. Gab es oder gibt es eine Beziehung zwischen Konfession und Erfolg?

Max Weber sah einen Zusammenhang zwischen der Auffassung Calvins, Gottes Wohlgefallen an einem frommen Leben zeige sich im weltlichem Erfolg, und dem höheren wirtschaftlichen Niveau in den calvinistisch geprägten oder jedenfalls beeinflussten evangelischen Regionen.

Luther und der Aufstieg der deutschen Universität im 19. Jahrhundert

Zweifellos hat die Reformation, wie viele andere Bereiche, auch die Wirtschaft beeinflusst. Ähnliches gilt für die Bildung. So hat Martin Luther nicht nur die Bibel übersetzt und Kritik an bestimmten Erscheinungen der Kirche geübt. Er setzte sich auch dafür ein, dass alle Menschen das Wort Gottes selbst lesen können und deshalb Kinder in die Schule gehen sollten. Dass dies auch die wirtschaftlichen Fähigkeiten verbesserte, ist einsichtig. Zu denken wäre auch an die bildungsgeprägte Atmosphäre des evangelischen Pfarrhauses, das über seine Erziehungsleistung wesentlich zum Aufstieg der deutschen Universität im 19. Jahrhundert beitrug.

Daneben darf jedoch die Fortentwicklung in den katholischen Regionen Deutschlands nicht übersehen werden. Zu erinnern ist hier an das Phänomen der „katholischen Aufklärung“. Freilich darf dabei nicht vergessen werden, dass der Reichsdeputationshauptschluss von 1803 nicht nur die in der Tat anachronistischen geistlichen Reichsstände beseitigte. Darüber hinaus schlossen die dadurch begünstigten weltlichen Fürsten in der Folge auch viele katholische Universitäten und Bildungseinrichtungen. Es bestand also in Bildung und Wirtschaft ein Gefälle zwischen dem evangelischen Norden und den katholischen Süden bis ins 20. Jahrhundert hinein. Und noch in der Zeit der bundesdeutschen Bildungsreformen der siebziger Jahre gab es die Argumentationsfigur des „katholischen Mädchens vom Lande“, die drei Nachteile verband: die Konfession, das Geschlecht und die Herkunft.

Umkehrung der Verhältnisse - Bayern führt in der Bildung

Es war also nicht abwegig, insoweit Zusammenhänge zu sehen und damit eine Kausalität zwischen Konfession und wirtschaftlichem Erfolg zu konstruieren. Besser wäre freilich, diesen Zusammenhang als Nebenwirkung oder Sekundäreffekt zu verstehen: Aufgeschlossenheit, Interesse an schulischer Bildung und Bereitschaft zu Neuem waren Gründe für den Erwerb von Kenntnissen, was wiederum zu besserem Wirtschaften führte.

Überträgt man diese Einsicht auf den Zustand des aktuellen Bildungswesens, so führt das zu ernüchternden Erkenntnissen. Zwar hat die Bedeutung der Konfessionszugehörigkeit deutlich abgenommen. Dennoch spricht man weiterhin von den norddeutschen Ländern als protestantischen Regionen. Nach Max Webers These, auch in ihrer abgemilderten Form, müsste dort der Wissensstand wie auch der wirtschaftliche Erfolg höher sein als in solchen deutschen Regionen, die diese Prägung nicht haben.

Da würden sich die Bayern, deren Land traditionell immer noch als überwiegend katholisch gilt, aber wundern. Denn in nahezu allen Erhebungen ist von einem Vorsprung der mehr protestantisch geprägten Länder keine Rede. Im Gegenteil: Im Schulsektor und bei den Hochschulen lassen sich eher andere Zuordnungen finden.

Eine Lehre kann die Erinnerung an Max Weber aber dennoch sein: Der Erwerb von Wissen ist die Basis für Erfolg – unabhängig von der Konfession.

Der Text ist eine gemeinschaftliche Arbeit des Katholiken Hans Joachim Meyer, früherer Wissenschaftsminister in Sachsen, und des Protestanten George Turner, Wissenschaftssenator a. D. in Berlin – und Kolumnist beim Tagesspiegel.

Autor

4 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben