Wissenschaft : Berlins Chance

Trotz der Tatsache, dass Berlin mit München zu den bedeutendsten Wissenschaftsregionen in Deutschland zählt, sieht Senator Jürgen Zöllner die internationale Ausstrahlung der Hauptstadt aber als verbesserungswürdig an. Zöllners Vision für die Wissenschaft im Jahr 2020.

Uwe Schlicht
Zoellner
Jürgen Zöllner -Foto: dpa

Lange Jahre musste Berlin mit Wissenschaftssenatoren vorliebnehmen, deren Vision für die Hochschulen sich in den Hochschulverträgen (Peter Radunski) oder der Viertelparität in den Gremien (Thomas Flierl) erschöpften. Am Mittwochabend kam nun Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) in die Hertie School of Governance, um Berlins Wissenschaftslandschaft über einen längeren Zeitraum zu entwerfen: „Eine Vision für Berlins Wissenschaftslandschaft 2020“, lautete das Thema seines Vortrags. Es war der Auftakt zu einer Reihe, die der Berliner Senat gemeinsam mit der Hertie School of Governance zu wichtigen Themen der Stadt veranstaltet.

Neben vielem Altbekanntem machte Zöllner dabei nur eine Äußerung, die etwas Neues für Berlin enthalten könnte: „Die Stadt muss sich darüber klar werden, wie sie mit den Möglichkeiten und Problemen der Charité fertig wird“, erklärte der Senator. An vier Standorten ist sie verteilt, drei davon sind in sich geschlossene Universitätsklinika. Zwar hat die Charité bereits Schwerpunkte mit ihren Zentren gesetzt. Doch auch diese Bereiche sind als weniger gut entwickeltes „Spielbein“ jeweils auch an den anderen Standorten vertreten. Die Zahl der Campi scheint Zöllner nicht infrage zu stellen, wohl aber zweifelt er daran, dass alles an allen Standorten angeboten werden muss: „Entscheidend ist, dass wir eine Organisationsform finden, um medizinische Forschung auf Weltspitzenniveau durchzuführen“, sagte Zöllner. „Das ist die Messlatte.“

Zöllner ging von der Frage aus: Welche großen Disziplinen der Wissenschaft werden die Zukunft bestimmen und wie muss sich die Gesellschaft darauf vorbereiten? Die wichtigsten Trends sind für ihn: Globalisierung, demografische Entwicklung, Umwelt, Klima, Neurobiologie. Ohne die Wissenschaft als Treiber gehe hier nichts.

Trotz der Tatsache, dass Berlin mit München zu den bedeutendsten Wissenschaftsregionen in Deutschland zählt, sieht Zöllner die internationale Ausstrahlung der Hauptstadt aber als verbesserungswürdig an. Von den herausragenden Wissenschaftlern, die mit einer Millionendotation durch den European Research Council (ERC) ausgestattet wurden, seien 50 nach Paris, 45 nach London und nur drei nach Berlin gegangen.

Berlin solle seine Chance ergreifen, bei der wissenschaftlichen Entwicklung der großen Themen vorn dabei zu sein. Damit die Hochschulen und Forschungsinstitute in der Region diese Aufgaben bewältigen können, müssten entsprechende Finanzmittel für die Wissenschaft bereitgestellt werden.

Damit hat Berlin seit seiner Amtszeit schon begonnen, veranschaulichte der Senator am im Sommer 2007 aufgelegten Berliner Masterplan: Mit ihm werden die Einstein-Stiftung für die Spitzenforschung und mehr Studienplätze finanziert. Damit die Hochschulen bereit sind, mehr Studienplätze einzurichten, will Zöllner die Höhe ihres Landeszuschusses in Zukunft vor allem von der Zahl ihrer Studierenden abhängig machen – ein von den Hochschulen mit Skepsis betrachteter Systemwechsel. Zöllner möchte private Mäzene als Stifter gewinnen, die dauerhaft Geld in die Einstein-Stiftung einbringen. Eine optimistische Vorstellung, denn bislang halten sich Mäzene zurück, wenn es um deutsche Universitäten geht. Angesichts der Wirtschaftskrise dürfte sich das in absehbarer Zeit kaum ändern. Das aber wirft die Frage auf, ob jährlich 35 beziehungsweise 40 Millionen Euro aus Landesmitteln für die Einstein-Stiftung so viel Dynamik auslösen werden, dass Berlin international so sichtbar wird, wie Zöllner es sich wünscht. Man braucht zum Vergleich nicht die zweistelligen Milliarden-Stiftungen heranzuziehen, mit denen Stanford und Harvard wuchern können. Zöllner verweist selbst darauf, dass etwa 80 amerikanische Universitäten unterhalb dieser beiden weltweit in der Spitzenposition befindlichen Universitäten immerhin noch über ein Stiftungskapital von jeweils einer Milliarde Dollar verfügen, aus dessen Zinserträgen Millionen in die Hochschulhaushalte fließen.

Doch Zöllner schöpft Hoffnung für Berlin auch eher aus Vergleichen mit einigen westdeutschen Regionen: In Karlsruhe sind an das neue Karlsruher Institut für Technologie (KIT) 200 Millionen Euro Stiftungsgelder geflossen, eine vergleichbare Summe erhielt die Jacobs Universität in Bremen, die Universität Mainz hat 100 Millionen bekommen. In Berlin stünden hingegen zurzeit erst 13 Millionen Euro an Stiftungsgeldern zur Verfügung. Uwe Schlicht

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