Wissenschaft contra Magie : Die Entzauberung des Regenbogens

Als Juri Gagarin ins All flog, fand er Gott dort nicht. Aber ist der Himmel wirklich leer, kein Ort mehr für Magie und Glauben? Ein Kommentar.

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Flüchtige Farben. Während eines Gewitters spannt sich ein Regenbogen über dem flachen Horizont des ländlichen New Mexico, USA.
Flüchtige Fantasie. Der Regenbogen inspiriert Kunst und Poesie. Hat die Wissenschaft ihn wegerklärt?Foto: Imago

Dem ersten Menschen im All, Juri Gagarin, wird der Satz zugeschrieben, er habe Gott dort oben gesucht, aber nicht gefunden. Kritiker erwiderten, dass die Vorstellung eines über den Wolken thronenden göttlichen Vaters bereits 1961 überholt war. Ein solcher rauschebärtige Gott aus dem Bilderbuch war ein leichtes Ziel für einen ungläubigen Sowjetmenschen. Dennoch hat die Aussage eine handfeste Plausibilität. Ist Gott im Himmel? Ein Kosmonaut schaut nach und findet ihn nicht.

Gagarins Hüpfer zu den Sternen hat das Seine dazu beigetragen, dass die Welt entzaubert wurde. Seit die neuzeitlichen Naturwissenschaften an Boden gewinnen, ist dieser Prozess immer weiter fortgeschritten. Der Mensch wurde aus seinen Träumen gerissen: Im Zentrum des Universums zu leben, Krone der Schöpfung zu sein, im Besitz einer Seele, die jenseits materieller Zwänge existiert. Alles, was von diesen wundervollen Fantastereien übrig ist, sind Physik, Chemie, Biologie und ein Häufchen Psychologie. Eine Existenz ohne tieferen Sinn, umhüllt vom Schweigen des Kosmos.

Selbst der Regenbogen hat Magie und Majestät verloren, beklagte der englische Romantiker John Keats in seinem Gedicht „Lamia“. Einst thronte der Regenbogen im „Himmelssaal“. Nun hat die Wissenschaft ihn (weg-)erklärt. „Jetzt kennt man sein Gewebe, seinen Bau“, dichtete Keats. „Flieht nicht aller Zauber vor den Tücken nüchterner Denkungsart?“ Für den Dichter eine rhetorische Frage, doch kann man die Dinge ganz anders sehen. Welterklärung und poetischer Zauber müssen sich nicht ausschließen. Wissen kann das Staunen über das Wunderbare steigern. „Ich sehe nicht ein, warum das Studium einer Blume von ihrer Schönheit ablenken sollte“, schrieb der amerikanische Physiker Richard Feynman. „Es vergrößert sie sogar.“

Noch einen Schritt weiter geht die amerikanische Autorin Nancy Ellen Abrams. Nach Büchern über das neue Bild des Universums, die sie zusammen mit ihrem Mann, dem Physiker Joel Primack, veröffentlichte, fügt sie nun Gott in dieses Bild ein. Jenseits traditioneller Religionen möchte sie ihn mit der Physik versöhnen.

Warum sich nicht ins All verlieben?

„Hat man kein spirituelles Leben, dann ist das so, als wenn man sich niemals verliebt hat“, schreibt Abrams in ihrem neuen Buch „A God that could be real“ („Ein Gott, der wirklich sein könnte“): „Wenn man eine spirituelle Bindung zu einer Fantasie entwickelt, dann verliebt man sich in jemanden, der einem niemals Liebe zurückgibt. Aber eine spirituelle Brücke zum wirklichen Universum, das ist wie ein Sichverlieben in jemanden, der einen schon liebt. Das ist, wo Gott ist.“ Eine Beziehungskiste mit dem Weltall!

Folgt auf die große Entzauberung nun die erneute Verzauberung auf dem Fuße? Nicht jeder wird Abrams’ Euphorie teilen. Eine ganz andere Sicht der Dinge hat der New Yorker Neurologe und Buchautor Oliver Sacks („Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“). Es ist ein Weg jenseits der Zuschreibungen und Deutungen. Für Sacks hat das Universum weder Ziel noch Zweck. Es ist einfach da. Das ist Trost genug.

Eine Welt ohne Leben, aber auch ohne Tod

In der „New York Times“ schreibt der schwer krebskranke Sacks, wie sehr ihn bis heute neue Erkenntnisse der Naturwissenschaften faszinieren. Die Magazine „Nature“ und „Science“ erwartet er jede Woche sehnlich. Schon als Kind im Zweiten Weltkrieg war die Beschäftigung mit Physik und Chemie Zuflucht vor Bedrohungen: „Eine Welt, in der es kein Leben gibt, aber auch keinen Tod.“ Sacks liebt das Periodensystem und seine Elemente, wie andere ihr Haustier oder ihren Fußballverein. Metalle und Mineralien sind für Sacks seit jeher „kleine Embleme der Ewigkeit“. Wie ein Alchemist haucht er Thallium und Thorium, Wismut und Beryllium Leben ein.

Vor Kurzem hat der 82-Jährige fernab der Großstadt auf dem Land einen Himmel beobachten können, der „gepudert mit Sternen“ war. Die himmlische Herrlichkeit, so sehr sie ihn entzückte, gemahnte in an die eigene Vergänglichkeit. „Ich würde gern so einen Himmel sehen, wenn ich sterbe“, sagte er seinen Freunden. Sie versprachen, ihm den Wunsch zu erfüllen.

Gagarin, Keats, Feynman, Abrams, Sacks: Es existieren so viele Ansichten über das Weltall, wie es Menschen gibt. Sein Anblick ist der gleiche.

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