Wissenschaft : Die falsche Linie verfolgt

Gründliche Kontrollen kommen im Labor oft zu kurz – es mangelt an Zeit, Geld und Sorgfalt.

Bas Kast

Zahlreiche Krebsstudien, weltweit vielleicht hunderte, könnten mehr oder weniger wertlos sein. Das geht aus einer Studie des Krebsforschers Winand Dinjens hervor, die Anfang dieses Monats im Fachmagazin „Cancer Research“ veröffentlicht wurde (Band 67, Seite 7996).

Wie in der gesamten Molekularbiologie arbeiten auch viele Krebsforscher mit Zellkulturen. Das sind Zellen einer Pflanze, eines Tiers oder eines Menschen, die mithilfe einer Nährflüssigkeit auch außerhalb des Tiers oder Menschen leben können und sich vermehren lassen; man spricht von „Zelllinien“.

Im konkreten Fall geht es um die Erforschung von Speiseröhrenkrebs. Es gibt eine Serie von Speiseröhrenkrebs-Zelllinien, mit denen Forscher rund um den Globus arbeiten, etwa um die molekularen Entstehungsmechanismen des Speiseröhrenkrebses zu entschlüsseln. Als nun jedoch das Team um den Niederländer Dinjens eine der Zelllinien mit der Bezeichnung TE-7 genauer unter die Lupe nahm, stellte man fest, dass die Zellen von einem anderen Krebstypus stammten als eigentlich gedacht. Viele Untersuchungen, in denen mit TE-7-Zellen gearbeitet wurde, könnten sich somit als falsch herausstellen.

Um es vorwegzunehmen: Eine erhöhte Gefahr für Patienten, die sich mit Krebsmedikamenten behandeln lassen, besteht nicht. Nein, es geht hier vielmehr um eine Schlamperei in der Grundlagenforschung.

Die Erkenntnis, dass in vielen Labors mit den falschen Zellen gearbeitet wird, ist darüber hinaus schon lange bekannt. So reiht sich die Studie der Niederländer in eine Kette von Untersuchungen, die bis in die Zeit der 1950er und 1960er Jahre zurückreicht – als man erstmals begann, mit Zelllinien zu arbeiten. Mit anderen Worten: Seit es Zelllinien gibt, gibt es auch verunreinigte und „falsche“ Zelllinien. Da werden mal Brustkrebszellen benutzt, wo es eigentlich um die Erforschung von Leberkrebs geht. Man experimentiert mit Gebärmutterhalskrebszellen, obwohl man denkt, man habe es mit Darmkrebszellen zu tun. Man glaubt, man habe menschliche Zellen vor sich – dabei sind es Zellen von Hamstern.

Das Problem ist auch vielen Forschern selbst bekannt, aber nur wenige tun wirklich etwas dagegen. „Die Leute denken einfach, in meinem Labor spielt das keine Rolle“, sagt der kalifornische Krebsforscher Charles Reynolds.

Und obwohl dabei Patienten nicht direkt in Gefahr gebracht werden, so wird doch viel Geld und Zeit verschwendet, weil unter Umständen jahrelang Forschung betrieben wird, die sich am Ende als wertlos herausstellt. Kritiker fordern deshalb eine Änderung der Praxis. Sie sagen: Sowohl die Geldgeber als auch die Fachzeitschriften sollten von den Forschern genaue Kontrollen ihrer Zelllinien fordern – sonst gäbe es kein Geld und keine Publikation. Jede Forschergruppe würde so gezwungen werden, die Zelllinien, mit denen sie arbeitet, zu überprüfen, etwa mit Erbgutanalysen. Mit dem bloßen Auge nämlich sehen die Zellen in etwa gleich aus.

Das hört sich sinnvoll an. Und tatsächlich wird auch in Labors zu oft ungenau gearbeitet und zu wenig kontrolliert. Man will Geld und Zeit sparen – oder man ist einfach zu faul für die recht aufwendigen Kontrollen. Das ist aber nur die eine Seite.

Die andere Seite ist, dass es im Laboralltag nicht ganz so einfach ist, eine lückenlose Kontrolle der Zelllinien einzuhalten. Bei jedem Handgriff kann eine Zelllinie verunreinigt werden. Man greift zur falschen Ampulle im Kühlschrank – und schon sind die Zellen vertauscht. Wie oft also muss eine Überprüfung stattfinden? Jede Woche? Jeden Monat? Wie bewerkstelligt man das in einem Labor, in dem mit 20 Zelllinien gearbeitet wird?

Es gibt keine einfache Lösung. Für Reinhard Kofler vom Tiroler Krebsforschungsinstitut in Innsbruck ist dennoch klar, dass die Forscher mehr auf Nummer sicher gehen müssen: „Auch in der Forschung gilt Murphy’s Gesetz – was schiefgehen kann, geht irgendwann schief.“

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