Wissenschaft : Fälschen, bis es wehtut

Rekordverdächtig: Ein US-Schmerzspezialist erfand in 13 Jahren 21 Studien. Hat das Folgen für Patienten?

Hartmut Wewetzer
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Scott Reuben

Der Narkosearzt Scott Reuben galt als produktiver und maßgeblicher Wissenschaftler. An die 70 Studien hat Reuben, Narkosearzt am Baystate Medical Center im US-Bundesstaat Massachusetts, veröffentlicht, etliche im Auftrag der Pharmaindustrie. Nun stellt sich heraus: Mindestens 21 dieser Untersuchungen sind ganz oder teilweise Fiktion und wurden nun zurückgezogen. Über 13 Jahre, von 1996 bis 2008, hat Reuben Daten erfunden und gefälscht. Als „Madoff der Medizin“ bezeichnet ihn die Zeitschrift „Scientific American“. Wie der Wallstreet-Betrüger Bernard Madoff legte Reuben, 50, seine Kollegen reihenweise herein.

Der Arzt wurde seiner Ämter in Forschung und Lehre enthoben und hat die Klinik verlassen. Aufgefallen waren die Praktiken des Schmerzspezialisten im Mai 2008 bei einer Routinekontrolle seiner Klinik. Zwei seiner Studien waren zuvor nicht genehmigt worden.

Später wurde bekannt, dass er auch mindestens einen weiteren Wissenschaftler ohne dessen Kenntnis als Mitautor anführte. „Kometenartig“ sei Reubens Karriere in den letzten acht Jahren verlaufen, sagt Jochen Strauß, Anästhesist am Helios-Klinikum Berlin-Buch. Und das, obwohl Reuben nicht an einer namhaften Forschungsstätte arbeitete oder bahnbrechende Ergebnisse veröffentlichte. Als „Trittbrettfahrer“ bezeichnet ihn Christoph Stein, Schmerzspezialist an der Berliner Charité.

Auffällig an Reubens Studien waren jedoch die stets „erwartbar“ positiven Ergebnisse, die er bei der Anwendung von Medikamenten erzielte. Möglicherweise machte ihn das für Pharmafirmen interessant, vermuten Experten. Im Auftrag von Merck befasste Reuben sich mit „Vioxx“ (Rofecoxib), das später wegen gefährlicher Nebenwirkungen vom Markt genommen wurde. Für den Pharmakonzern Pfizer, von dem er fünfmal Forschungsmittel erhielt, prüfte er in mehreren gefälschten Studien das Vioxx-Nachfolgepräparat „Celebrex“ (Celecoxib).

Die Höhe der Zuwendungen an Reuben ist unbekannt. Sie schwanke in solchen Fällen üblicherweise zwischen 10 000 und 100 000 Dollar, zitiert die Zeitschrift „Scientific American“ Paul White, Anästhesist und Mitherausgeber des Fachblatts „Anesthesia & Analgesia“, das allein zehn von Reubens Machwerken abdruckte. Dessen Spezialgebiet war die „multimodale“ Schmerzbehandlung nach Operationen, die in den letzten Jahren stark aufgekommen ist. Dabei werden mehrere Schmerzmittel eingesetzt, so dass die Dosis herabgesetzt und Nebenwirkungen verringert werden können. Behauptungen, dass Millionen von Patienten weltweit von Reubens Fälschungen betroffen seien oder Behandlungsrichtlinien nun umgeschrieben werden müssten, weisen die deutschen Anästhesisten Stein und Strauß jedoch zurück.

Zwar habe Reuben sehr viel publiziert und seine Studien seien auch in die Leitlinien eingeflossen, in denen wissenschaftliche Fachgesellschaften Therapieempfehlungen geben, sagt Strauß. Doch würden für diese Leitlinien viele Studien berücksichtigt, und bei Reubens sehr positiven Ergebnissen habe es „immer ein bisschen Zweifel“ gegeben. „Die Fälschungen sind eine moralische Katastrophe für unser Fach, aber wir werden nichts ändern oder überarbeiten müssen“, sagt Strauß. „Patienten brauchen nicht verunsichert zu sein.“ Der Fälscher sei stets „im Strom mitgeschwommen“.

Reuben, der sich nicht öffentlich zu den Vorwürfen geäußert hat, gilt bislang als Einzeltäter. Trotzdem wirft sein offenbar guter Kontakt zur Pharmaindustrie die Frage auf, ob er so etwas wie Gefälligkeitsforschung betrieb – und bei der Gelegenheit die erwünschten Ergebnisse gleich ganz erfand. Von einem „subtilen Druck“ der Industrie spricht Paul White von der Universität von Texas in Dallas. „Im Moment konzentriert sich alles auf Scott Reuben, aber in Wirklichkeit gibt es viele verantwortliche Parteien.“

„Wir müssen in Zukunft auch in Deutschland mehr darauf achten, wer eine Untersuchung finanziert hat“, sagt Strauß. „Die Forschung muss unabhängig sein, sie darf nicht nur von der Industrie bezahlt werden.“ In den USA müssen inzwischen Geldgeber offengelegt werden. Scott Reuben hat das nicht vom Fälschen abgehalten.

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