Wissenschaft : Harmonie von Geist und Natur

Nobelpreisträger treffen sich am Bodensee, erstmals sind Geisteswissenschaftler mit dabei.

Frank van Bebber
Mello
Genforscher Craig Mello will lockere Stammzellen-Gesetze in den USA. -Foto: AFP

Auf der Bühne der Inselhalle in Lindau üben sich die Diskutanten in Harmonie. Der Tübinger Philosophieprofessor Otfried Höffe sagt: „Alle Wissenschaften haben eine gemeinsame Basis.“ Der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Mittelalter-Philologe Peter Strohschneider, bekennt: „,Die Frage’ ist der Beginn von Geistes- wie Naturwissenschaft.“ Molekularbiologe Fotis Kafatos vom Europäischen Forschungsrat sieht alle Forscher auf der Suche nach der Schönheit dieser Welt. „Wir sind alle Entdecker, wir suchen alle nach der Wahrheit.“ Doch die Herren mögen sich zum Auftakt der 57. Tagung der Nobelpreisträger noch so versöhnlich geben. Für Traditionalisten der Treffen am Bodensee ist es schon eine Provokation, dass ein Philosoph hier reden darf.

Noch vor wenigen Jahren empfanden die Organisatoren allein die Frage nach fachübergreifenden Debatten als Beleidigung der Tagung, die Naturforschern ungestörte Tage am Bodensee versprach. Die Idee, regelmäßig auch die Nobelpreisträger für Literatur und Frieden nach Lindau zu bitten, hatten sie in den fünfziger Jahren verworfen. Das Treffen solle nicht politisiert werden, die Homogenität der Teilnehmer bestehen bleiben, hieß es. So blieb es bei zwei Ausnahmen: 1954 kam Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer, 1972 Bundeskanzler Willy Brandt, der den Friedenspreis im Jahr zuvor erhalten hatte. Doch seit zwei Jahren erfindet sich die Tagung neu. Aus dem freundlichen, aber bedeutungslosen Familientreffen soll ein Gespräch der Besten von heute und morgen werden. Allein 20 000 Chinesen bewarben sich dieses Jahr um einen der 560 Plätze für junge Forscher. Zu der Tagung, die heute endet, kamen Teilnehmer aus über 64 Nationen, darunter 17 Nobelpreisträger der Medizin und Chemie.

Geschickt nutzten die Reformer der Tagung, dass mit dem Bundesforschungsministerium einer ihrer Geldgeber das „Jahr der Geisteswissenschaften“ ausrichtet. Die durch das Mottojahr ins Programm gehievte Debatte mit Höffe und Strohschneider ist dann jedoch kaum eine Gefahr für die Homogenität. Strohschneider sieht Geistes- und Naturwissenschaft näher als meist angenommen. „Im Gegensatz zur Natur sind die Naturwissenschaften ein Produkt der Kultur“, sagt er. Der Abstand zwischen Geistes- und Naturwissenschaften sei geringer als der von Natur und Naturwissenschaft. Der Einwand von Martin Rees, Präsident der Royal Society, Naturforscher produzierten arbeitsteilig weltweit unanfechtbares Wissen, während Geisteswissenschaftler mehr für sich glänzten, lässt Höffe nicht gelten. „Auch Geisteswissenschaften finden wir in allen Kulturen“, sagt er, ebenso wie Astronomie oder Genetik. Höffe fordert aber: Wer als Philosoph bei Fragen der Medizin nicht Unsinn reden wolle, müsse mit Grundlagen der Naturwissenschaft vertraut sein – was auch umgekehrt für Naturwissenschaftler gelte.

In Lindau aber fällt dieser Lernprozess aus. Noch am Abend der Eröffnung fahren die Geisteswissenschaftler wieder nach Hause. Bei den Runden über Genetik und Medizin bleiben die Naturwissenschaftler unter sich. Dabei hätte es durchaus Arbeit für Geistes- oder Sozialwissenschaftler gegeben, etwa als der jüngste Medizin-Nobelpreisträger Craig Mello hofft, die nächste US-Regierung werde mehr Forschung an embryonalen Stammzellen erlauben. Der Organisator des Treffens, Wolfgang Schürer, mag nicht hören, die Geisteswissenschaftler seien für die Sonntagsreden zuständig gewesen. „Innovationen finden in Lindau in Etappen statt“, sagt er. Schon nächstes Jahr will er dem Publikum beim Treffen der Nobelpreisträger für Wirtschaft mehr zumuten: Friedensnobelpreisträger Mohammad Yunus habe bereits zugesagt.

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