Wissenschaft im Nahen Osten : Der Friedensbeschleuniger

In Jordanien entsteht ein internationales Zentrum für Materialforschung. Dazu gehört ein Teilchenbeschleuniger aus Berlin. In dem Zentrum arbeiten Länder zusammen, die sonst kaum miteinander reden: die Türkei, Israel, Ägypten und der Iran.

Frank Odenthal
Tempel der Wissenschaft. Der neue Teilchenbeschleuniger soll Chemikern, Biologen und Archäologen aus dem gesamten Nahen Osten bei Analysen helfen. Ob die Anlage tatsächlich 2015 in Betrieb geht, ist zweifelhaft. Es gilt noch viele Hürden zu überwinden. Foto: Sesame
Tempel der Wissenschaft. Der neue Teilchenbeschleuniger soll Chemikern, Biologen und Archäologen aus dem gesamten Nahen Osten bei...

Auf den ersten Blick sieht das Gebäude aus wie ein Museum oder ein Konzerthaus mit seinem mächtigen Portal, das einem antiken Tempel nachempfunden ist. Die Marmortafel, die darüber angebracht ist, passt allerdings nicht in dieses Bild. „SESAME – International Research Center“, ist darauf zu lesen. Das Akronym steht für „Synchrotron Light for Experimental Science and Applications in the Middle East“. Hier, nahe der jordanischen Hauptstadt Amman wird ein Teilchenbeschleuniger gebaut, eine Quelle für Synchrotronstrahlen, wie sie in vielen Industrie- und auch in einigen Schwellenländern betrieben werden. Sesame ist der erste seiner Art im gesamten Nahen Osten. Oder genauer: Er soll der erste werden, denn bis zum Betriebsbeginn gilt es noch viele Hürden zu überwinden.

Die Idee eines Teilchenbeschleunigers in dieser Gegend geht auf das europäische Kernforschungszentrum Cern zurück. Dort stieß 1997 ein Team von Wissenschaftlern um den Physiker Sergio Fubini eine Initiative an, wonach endlich auch im Nahen Osten ein Teilchenbeschleuniger für die Forschung errichtet werden soll. Just zu dieser Zeit beschloss man in Deutschland, die in Berlin betriebene Synchrotronanlage „Bessy 1“ durch eine leistungsstärkere Anlage zu ersetzen. Fubini hatte mittlerweile in den deutschen Physikern Herwig Schopper, ehemaliger Generaldirektor des Cern, sowie in Gus Voss vom Deutschen Elektronen Synchrotron (Desy) in Hamburg zwei prominente Mitstreiter gewonnen. Ihre Fürsprache bewirkte, dass sich die Bundesregierung zu einer Schenkung des Bessy- 1-Moduls – ein Aggregat mit einem geschätzten damaligen Wert von 60 Millionen Dollar – als Basis für einen Beschleuniger im Nahen Osten bereit erklärte. 1999 wurden die Pläne zum Bau von Sesame der Unesco vorgelegt, unter deren Schirmherrschaft das Vorhaben steht. Im Mai 2002 beschloss der Exekutivausschuss der Unesco den Baubeginn des Sesame-Centers in Allaan, 30 Kilometer nordwestlich von Amman. Noch im selben Jahr wurde das Bessy-1-Modul in den Nahen Osten verschifft.

Bislang strahlen in der weiten, hellen Halle allerdings nur die Neonröhren von der Decke. Gerade ein Drittel der Anlage sei montiert, sagt der Teilchenphysiker Mohammed Yasser Khalil, Geschäftsführer des Projekts. Bessy 1 sei ein Glücksfall, doch müsse man die Module modernisieren, wenn man später konkurrenzfähig sein wolle. 2015 solle Sesame in Betrieb genommen werden. Ein pünktlicher Start sei aber keineswegs gesichert, sagt Khalil. Schon einmal musste er verschoben werden, weil der Zeitplan nicht zu halten war.

Dabei wurde das Vorhaben von Beginn an von vielen Organisationen und Instituten aus aller Welt unterstützt. Neben dem Bessy-1-Modul wurden weitere Bestandteile für den neuen Beschleuniger gespendet, allein das Daresbury Laboratory in Großbritannien stiftete Komponenten im Wert von gut 12 Millionen Dollar. Hinzu kamen Beiträge der Unesco, der Europäischen Union und der USA. Der Staat Jordanien stellte das Grundstück in Allaan kostenlos zur Verfügung und übernahm den Bau des Gebäudes und der nötigen Infrastruktur. Und zur Ausbildung von Fachkräften, die zum Betrieb und zur Instandhaltung unerlässlich sind, werden von Hochschulen und Instituten weltweit großzügige Stipendien vergeben. „Über Unterstützung aus der globalen Wissenschaftsgemeinde können wir uns nicht beschweren“, sagt Khalil.

Und die fiebert dem Start von Sesame entgegen, vor allem in den Mitgliedsländern. „Seitdem die Ausrichtungen der ersten drei Strahlenmessstationen feststehen, sind bereits zahlreiche Anträge auf Forschungszeit eingegangen“, sagt er. Darüber werde dann im Verwaltungsrat, zu dem jedes Mitgliedsland zwei Vertreter schicken darf, beraten. „Die Forscher der Region, aber auch die vielen Studenten der Universitäten müssen demnächst nicht mehr nach Europa oder in die USA ziehen, um an einem Teilchenbeschleuniger arbeiten zu können. Wir wollen die besten Leute bei uns behalten.“

Maher Attal von der nahe gelegenen Al-Balqa Universität von Amman leitet den Einbau der hochsensiblen technischen Geräte. Bei einem Rundgang durch die Halle erklärt er den Stand der Arbeiten und die Technik. „Mit der Synchrotronstrahlung können wir Materialstrukturen viel genauer erkunden als mit herkömmlichen Mikroskopen“, sagt er. Die Anwendungen reichen von der Molekularbiologie und Medizin, der Chemie und Physik, über Materialforschung bis hin zum Energiesektor, etwa bei der Entwicklung effizienterer Solarmodule. „Sogar in der Archäologie kann Synchrotronstrahlung hilfreich sein, etwa bei der Altersbestimmung prähistorischer Funde.“

Interdisziplinär soll es zugehen bei Sesame, und international. „Die Teams werden gemischt sein, Israelis werden mit Palästinensern, Türken mit Zyprioten, Iraner mit Pakistanern zusammenarbeiten“, sagt Attal.

Auf der anderen Seite des Jordan, im israelischen Rehovot, befindet sich das Weizmann-Institut. Hier hat Irit Sagi einen Lehrstuhl für Molekulare Biophysik inne, erforscht die Strukturen von kristallinen Proteinen und Enzymen. Über das Projekt, sagt sie, könne sie nur Positives berichten. „Bislang mussten wir regelmäßig in die USA oder nach Frankreich reisen, um unsere Forschungen voranzubringen.“ Eine Quelle für Synchrotronstrahlen vor Ort zu haben, sei daher einfach wunderbar. „In all den Jahren seit Beginn der Bauarbeiten hat es nie Probleme mit den Kollegen aus den anderen Ländern gegeben.“ Auch nicht mit der palästinensischen Delegation, ergänzt sie, als wolle sie der Nachfrage vorgreifen.

„Zwar wurden wir anfangs am Grenzübergang nach Jordanien mit Argusaugen beobachtet, unsere Papiere mit großer Hingabe kontrolliert und unser Gepäck durchleuchtet.“ Doch das habe sich inzwischen gelegt. Die Visa werden von den jordanischen Behörden inzwischen pünktlich und anstandslos erteilt. Und auch auf der Allenby-Brücke über den Jordan, dem Grenzübergang auf der Strecke wischen Jerusalem und Amman, gebe es keine Probleme mehr. „Dort kennt man uns schon, wir werden im Schnelldurchgang verarztet“, sagt Sagi lachend.

Ob sie sich um das Sesame-Projekt Sorgen mache wegen der unruhigen politischen Verhältnisse? Ach, sagt sie, das sei doch nichts Neues. In Israel sei man daran gewöhnt, in einem Umfeld zu arbeiten, das ständig zwischen den Extremen schwankt. Up and down, so sei es doch seit Jahrzehnten hier im Nahen Osten. Und vielleicht trage Sesame sogar ein wenig zur Normalisierung bei.

In Shafa Badran, einem der neu erschlossenen Stadtteile im Nordosten der Millionenstadt Amman, hat Khaled Toukan, der Generaldirektor von Sesame, sein Büro bezogen. Er hat an der Universität Michigan und am Massachusetts Institute of Technology Kernenergietechnik studiert. Neben seiner Forschertätigkeit setzt er sich seit Jahren für die Belange der Wissenschaft in der Politik ein. Von 2001 bis 2002 war er jordanischer Forschungsminister, später Bildungsminister (2002 bis 2008) und seit 2011 ist er Minister für Energie und Bodenschätze. Inzwischen hat Toukan neben der Leitung des Sesame-Vorhabens auch den Vorsitz der Jordanischen Atomenergiekommission inne.

Die erste Frage scheint sich daher wie von selbst zu stellen: Ist der neue Teilchenbeschleuniger auch zur Entwicklung von Nukleartechnik geeignet? „Sie wollen wissen, ob wir eine Atombombe bauen wollen?“ Toukan lacht schallend, sozusagen entwaffnend. „Da kann ich Sie beruhigen. Neue Erkenntnisse zur Nutzung von Kerntechnik sind bei Sesame nicht zu erwarten.“ Es sei bedauerlich, dass jeder zunächst an eine missbräuchliche Nutzung der Anlage denke, sobald er von dem Projekt und den teilnehmenden Staaten höre, ergänzt Toukan. „Wir haben eindeutige Statuten. Jeder, der die Anlage nutzen möchte, muss seine Pläne erläutern. Militärische Forschung ist von vornherein ausgeschlossen.“ Außerdem gebe es die Pflicht zur Veröffentlichung. Jedes Forscherteam müsse die Protokolle und die Ergebnisse seiner Arbeit offenlegen; so könne die gesamte wissenschaftliche Welt die Forschung bei Sesame einsehen und überwachen.

„Bei aller Euphorie – bis 2015 gilt es noch einige Hindernisse zu überwinden“, ergänzt Toukan. Vor allem die Finanzierung ist problematisch. Ursprünglich erwartete man jährliche Unterhaltskosten von einer Million Dollar, sobald die Anlage in Betrieb geht. Inzwischen rechne man mit bis zu fünf Millionen Dollar pro Jahr. Außerdem seien Zusagen der EU und der USA zur Aufstockung der Mittel noch nicht umgesetzt worden. „Ein bürokratisches Problem“, sagt der Generaldirektor. Trotzdem sei er zuversichtlich, das fehlende Geld zusammenzubekommen. „Inzwischen haben wir ja auch die Politik auf unserer Seite, zumindest in den Wissenschaftsministerien“, sagt er. Das lasse sich etwa an den Mitgliedsbeiträgen ablesen, die regelmäßig und pünktlich überwiesen würden.

Es sind ausgerechnet die Staaten, die auf der politischen Bühne ansonsten kaum Willen zur Zusammenarbeit erkennen lassen, die die höchsten Beiträge leisten. Allein die Türkei und Israel haben im Zeitraum von 1999 bis 2009 823 Millionen beziehungsweise 793 Millionen Dollar zum Budget des Projekts beigetragen; es folgen Ägypten mit 555 Millionen und der Iran mit 500 Millionen Dollar. Der Palästinensischen Autonomiebehörde wurde wegen knapper Mittel ein wohl eher symbolischer Beitrag von bislang 50 Millionen Dollar zugestanden.

Doch die hohen Beiträge ebendieser Staaten sind es, die sich als die Schwachpunkte erweisen könnten. Welche Folgen hätte es, würde die Türkei oder ein anderer zahlungskräftiger Mitgliedsstaat seine Beiträge einfrieren mit dem Verweis auf geänderte politische Bedingungen? Toukan beruft sich für diesen Fall auf die Zusagen aller Mitgliedsländer, die eigenen Beiträge gegebenenfalls aufzustocken, um Budgetlöcher zu stopfen. Doch wie belastbar sind solche Versprechungen in politisch unruhigen Zeiten?

Toukan jedenfalls bleibt optimistisch. „Wir haben die Golfkriege und die zweite Intifada überstanden, ohne dass sich am Willen der Staaten zur gemeinsamen Forschung etwas geändert hätte. Immer waren es die Wissenschaftsgemeinden in den Ländern, die auf eine Zusammenarbeit gedrungen haben.“ Doch was wäre, wenn es sogar zum Krieg unter den Mitgliedsstaaten käme, wie der Konflikt zwischen Israel und dem Iran befürchten lässt? Es sind solche kritischen Prognosen, die das Projekt als ein recht tollkühnes Unterfangen und Toukans sympathischen Optimismus als etwas blauäugig erscheinen lassen.

Wer in Zeiten der Rebellion in vielen arabischen Staaten, der zunehmenden Eskalation zwischen Israel und Iran von einer freundschaftlichen Partnerschaft aller Länder der Region erzählt, läuft Gefahr, als Utopist verlacht zu werden. Vielleicht braucht die Region aber gerade solche Ideen wie Sesame, damit die Menschen zueinander finden.

Korrektur: In der ursprünglichen Fassung wurden die Mitgliedsbeiträge der einzelnen Länder zu dem Projekt als jährliche Zahlungen ausgewiesen. Tatsächlich handelt es sich jeweils um die Summe der geleisteten Zahlungen für den Zeitraum von 1999 bis 2009. Wir bitten um Entschuldigung.

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