Wissenschaft international : Exzellenz für Europas Krisenstaaten

Die Europäische Union soll eine Einheit sein, doch nicht nur wirtschaftlich zeigt sie sich derzeit zerrissen. Auch in der Wissenschaft ist die EU und mit ihr der ganze Kontinent gespalten. Die EU streitet nun, wie sie Forschung künftig fördern soll.

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Es ist wie in der Wirtschaft: Die großen Länder West- und Mitteleuropas, allen voran Deutschland, Großbritannien und Frankreich, dominieren den Kontinent auch in der Forschung. Die zwölf neuen Mitglieder aus Osteuropa bekommen derzeit sogar weniger Geld aus dem EU-Forschungstopf als die Nicht-Mitglieder Schweiz und Israel, die sich an den Programmen ebenfalls beteiligen dürfen.

Dieses Beispiel nannte Robert-Jan Smits von der EU-Forschungsdirektion jetzt bei einer Diskussion über das künftige EU-Forschungsbudget in Berlin. Für die EU sei das Missverhältnis bei der Mittelvergabe ein „riesiges politisches Problem“, sagte Smits. Einerseits, weil der Aufbau starker Forschung in den Krisenstaaten ein wichtiges Ziel  sein müsse. Schließlich sei das ein Königsweg, um langfristig wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Ein Problem sei die ungleiche Verteilung auch, weil die Vergabe der EU-Forschungsmittel nach Exzellenzkriterien politisch kaum durchzusetzen sei, wenn davon nur die starken Staaten profitierten. Für Peter Gruss, den Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, ist daher die „wichtigste Aufgabe“ der EU-Forschungspolitik, „Süd- und Osteuropa in der Exzellenz starkzumachen“. Das sei man nicht zuletzt dem wissenschaftlichen Nachwuchs dort schuldig.

Ein Weg wäre, die Exzellenzkriterien aufzuweichen und zum Proporzdenken zurückzukehren, das die Brüsseler Forschungspolitik lange bestimmte. Das lehnt die EU-Kommission ab. Sie will stattdessen Geld aus dem EU-Strukturfonds stärker für den Aufbau von Forschungseinrichtungen in schwächeren Ländern ausgeben. Das könnte auch für Deutschland Folgen haben, sagte Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesforschungsministerium. Wegen der deutschen Wissenschaftsstärke würden dann womöglich viele deutsche Regionen aus der Strukturförderung herausfallen. Die Idee könne also zu heftigen politischen Kämpfen führen.

Setzt die EU überhaupt die richtigen Schwerpunkte für ihr Forschungsbudget? 80 Milliarden Euro sind 2014 und 2020 veranschlagt. Deutschland könne sich sogar 93,5 Milliarden vorstellen, sagte Schütte. Schwerpunkte für „Horizon 2020“ – so der Name des EU-Forschungsprogramms – sollen etwa Gesundheit, Verkehr und Klima sein. Er vermisse „europaspezifische Fragen“, kritisierte Schütte. Die EU müsse sich etwa mit der Frage auseinandersetzen, was die kulturelle und geistige Konstitution Europas nach der Finanzkrise ausmache: „Die Zukunft besteht nicht nur aus technologischen Herausforderungen.“

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