Wissenschaft : Kritik an Schavans Qualifizierungs- Offensive

Die Qualifizierungsoffensive der Forschungsministerin stößt nicht nur auf Zustimmung. Die Forschungspläne konzentrierten sich "einseitig“ auf Themen in den Technik- und Naturwissenschaften, die wirtschaftliche Relevanz versprächen, meinen Experten.

Tilmann Warnecke

Experten aus der Wissenschaftsszene äußern sich vor der Tagung des Bundeskabinetts in Meseberg skeptisch zu der geplanten „Nationalen Qualifizierungsoffensive“. Forschungsministerin Annette Schavan stelle zwar die „richtigen Fragen“, sagte gestern Margret Wintermantel, die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz. Sie vermisse aber „handfeste Antworten“. Peter Gaehtgens, Mitglied im Vorstand der Europäischen Hochschulvereinigung, sagte, das „prinzipiell begrüßenswerte Paket“ könne nur seine Wirkung entfalten, wenn Bund und Länder zusammenarbeiteten. Schavan bräuchte für fast alle Vorschläge die Zustimmung der Länder. Die Forschungspläne Schavans konzentrierten sich zudem „einseitig“ auf Themen in den Technik- und Naturwissenschaften, die wirtschaftliche Relevanz versprächen. „Die Kultur- und Geisteswissenschaften werden völlig vernachlässigt. Von einem Bildungsbegriff im umfassenden Sinn, wie ihn auch Schavan gerne im Munde führt, kann kaum die Rede sein“, kritisierte Gaehtgens.

Über Schavans Pläne will das Kabinett heute und morgen in Meseberg beraten. Die Vorlage fasst eine Reihe von Initiativen zusammen, die die Ministerin in den letzten Monaten angekündigt hat. So will Schavan die frühkindliche Bildung stärken und die Zahl der Schulabbrecher bis 2010 halbieren. Die Studierendenquote soll von derzeit 35 Prozent auf 40 Prozent eines Jahrgangs steigen. In der Forschung soll das 2006 beschlossene Investitionsprogramm über sechs Milliarden Euro auf einige Schwerpunkte konzentriert werden. Schavan will eine High-Tech-Strategie für den Klimaschutz entwickeln, ein nationales Zentrum zur Bekämpfung von Demenzen aufbauen und die Energie- und Internetforschung stärken. Ein „Wissenschaftsfreiheitsgesetz“ soll Anreize setzen, um Spitzenforscher ins Land zu holen.

Wintermantel sieht vor allem die angestrebte Erhöhung der Studierendenquote kritisch. Dafür müsse Schavan noch ein „umfassendes Finanzierungskonzept“ vorlegen. Denn schon die Umstellung auf die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge und der Hochschulpakt zur Bewältigung des Studentenbergs seien „nicht ausfinanziert“. Spitzenforscher könnten nur dann gewonnen werden, wenn man ihnen die Gehälter zahle, die sie auch in den USA bekämen.

Mit welchen Maßnahmen Schavan konkret Forscher anwerben will, geht aus der Vorlage nicht hervor. Dort werden lediglich international konkurrenzfähige Rahmenbedingungen für die Gewinnung von Spitzenwissenschaftlern in Aussicht gestellt. Entscheidend sei, dass auch dem Lebenspartner gute Berufschancen geboten würden. Gaehtgens sagte, er erwarte, dass Schavan Mobilitätshindernisse beseitige. So könnten Forscher bisher ihre Pensionsansprüche nicht mitnehmen, wenn sie innerhalb der EU das Land wechselten. Die Bundesregierung müsse zudem die Gentechnik-, Stammzell- und Nuklearforschung liberalisieren. Es sei bekannt, dass Spitzenwissenschaftler Deutschland den Rücken kehrten, weil sie ihre Forschungsthemen hier nicht bearbeiten dürften. Tilmann Warnecke

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