Wissenschaft : Tatort Kunst

Kunstdetektive: Wie Forscher am Berliner Rathgen-Labor Fälschungen aufklären. Auch im Skandal um die Sammlung Jägers waren sie aktiv

Mit Materialanalysen kommen die Forscher Fälschern auf die Spur.
Mit Materialanalysen kommen die Forscher Fälschern auf die Spur.Foto: Rathgen-Labor

Sie können nicht beurteilen, ob etwas echt ist. Dafür aber, ob etwas falsch ist. Und das macht die Wissenschaftler des Rathgen-Forschungslabors zu auch international gefragten Fälschungsexperten. Eigentlich arbeiten sie im Dienste der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ihrer 16 dazugehörigen Museen. Doch immer wieder klopfen auch andere in der Charlottenburger Schloßstraße an, wie vor einiger Zeit das Berliner Landeskriminalamt mit sieben Gemälden aus der vermeintlichen Kunstsammlung Jägers. Es handelte sich um einen der größten Kunstfälscherskandale der deutschen Kriminalgeschichte rund um Wolfgang Beltracchi, der mit Gemälden im Stile von Max Ernst, Max Pechstein, Heinrich Campendonk oder Fernand Léger Millionen gemacht hatte und im Oktober dafür verurteilt wurde.

Die Detektivarbeit begann für die Forscher dort, wo das menschliche Auge passen muss. „Wir haben uns vor allem die chemische Zusammensetzung der Farbpigmente angesehen“, erklärt der Leiter des Labors, Stefan Simon. In verschiedenen Spektroskopieverfahren werden die Moleküle von Elektronenstrahlen in Schwingung versetzt, jedes bewegt sich anders, jedes reflektiert eine andere Strahlung zurück. Die Geräte wandeln die Messungen in farbig aufgeschlüsselte Bilder um: Rot steht zum Beispiel für Eisen, Blau für Kupfer.

Im Skandal um Beltracchi spielte Titanweiß eine große Rolle. Das konnte nämlich in den Bildern nachgewiesen werden. Pech für den Fälscher. „Titanweiß wurde zwar 1916 patentiert, gelangte aber erst wesentlich später in den Handel“, erklärt der Chemiker Simon. Zu spät für die hier vorliegenden Gemälde.

Um mehr über die Holzrahmen herauszufinden, auf die die Leinwände gespannt waren, arbeitete Simon mit Experten vom Deutschen Archäologischen Institut zusammen. Die zählen unter anderem die Jahresringe und können je nach Beschaffenheit herausfinden, in welchen geografischen Breiten die Bäume wohl einst gewachsen sein müssen. Das Urteil hier: Das Holz war zwar alt, stammte aber von Bäumen, die einst alle dicht nebeneinander gestanden sind. Unwahrscheinlich, dass ein Fernand Léger und ein Max Ernst Rahmen aus derselben Produktion bezogen hatten.

Das Rathgen-Institut ist das älteste Museumslabor Europas. 1888 wurde es als Chemisches Labor der Königlichen Museen gegründet und nach seinem ersten Direktor Friedrich Rathgen benannt. Andere große Häuser wie das British Museum oder der Louvre begannen erst in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, naturwissenschaftliche Forschung an ihren Objekten zu betreiben. Drei feste Mitarbeiter sind im Rathgen-Labor beschäftigt. 15 weitere Wissenschaftler werden meist aus Drittmitteln und Stipendiengeldern bezahlt.

Nicht nur Fälschungen gehören zum Handwerk der Kunstforscher. Im Regal von Simons Arbeitszimmers etwa liegen zwei flache Gesteinsbrocken. 3,6 Millionen Jahre sind sie alt und stammen aus Laetoli, einer Fundstelle fossiler menschlicher Fußspuren im Norden von Tansania. „Sie beweisen, dass unsere Vorfahren auf zwei Beinen gelaufen sind“, sagt Simon. Afrikanische Kollegen haben ihn darum gebeten, herauszufinden, wie man die Stätte am besten vor Umwelteinflüssen schützt.

Simon und sein Team erforschen auch die idealen Ausstellungsbedingungen. Wie viel Licht ist schädlich? Welche Materialien dürfen in der Vitrine verbaut werden, damit sie nicht im Laufe der Jahre chemisch mit den Objekten reagieren? Und was passiert eigentlich mit den Tausenden von Tonbändern, die noch im Archiv des Ethnologischen Museums liegen? Simon lässt an einem Band schnuppern: Ein säuerlicher Geruch steigt auf. „Essigsäure“, sagt er. Die setzt sich bei Acetat-Bändern im Laufe der Jahre frei. Manchmal gleicht die Arbeit einem Wettlauf mit der Zeit.

Auch Insekten wie Motten und sogar Trockenholztermiten sind eine ständige Bedrohung der Sammlungen. Deshalb rotiert ein Insektenspezialist des Rathgen-Labors regelmäßig durch die Museen und Bibliotheken, kontrolliert und berät, was man gegen die Schädlinge tun kann, die auf organische Materialien wie Teppiche, Hölzer und Leder fliegen.

In der sogenannten Archäometrie analysiert das Labor die Herkunft der Rohstoffe von Kunst- und Kulturgegenständen. So untersuchten die Forscher etwa die bedeutsame Bronzesammlung aus dem afrikanischen Königreich Benin, die im Ethnologischen Museum ausgestellt ist. „Mit unseren Informationen können Archäologen dann zum Beispiel Rückschlüsse auf die Handelswege des Königreichs ziehen“, sagt Simon.

Der Austausch zwischen den Natur- und Kulturwissenschaften wird auch in der Lehre immer wichtiger. Nachwuchsforscher werden an der TU Berlin im Masterstudiengang Kunstwissenschaft/Kunsttechnologie ausgebildet. Ausgangspunkt ist die Frage: Welche technischen Informationen stecken in einem Objekt für technische Informationen bereit, jenseits von stilistischen, künstlerischen und ästhetischen Merkmalen? Seit Herbst 2011 kooperiert das Fachgebiet der TU eng mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zusammen, für die Studierenden eröffnen sich dadurch neue Praxisfelder in Restauratorenwerkstätten, im Zentralarchiv oder auch im Rathgen-Labor.

Wie man am „Tatort Kunst“ künftig noch besser ermitteln kann, darüber tauschen sich an diesem Freitag Kunstsachverständige aus dem In- und Ausland bei ihrer Jahrestagung im Berliner Bode-Museum aus. Kriminalhauptkommissar René Allonge vom LKA Berlin berichtet über die Aufklärung des Skandals um die Sammlung Jägers, auch um den Kunstraub in der DDR zum Zwecke der Devisenbeschaffung wird es gehen.

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