Wissenschaft und Interpretation : Die Deuter der Daten

In der Antike legte ein Interpret den Willen der Götter aus. Auch heute kommt es in den exakten Wissenschaften nicht nur auf Fakten, sondern auf deren Interpretation an.

Jochen Brüning
Gezähmte Natur. Das Experiment, hier mit Laserlicht, soll ein „eindeutiges“ Ergebnis haben. Nicht immer ist das der Fall, mitunter erklären mehrere Interpretationen das Resultat.
Gezähmte Natur. Das Experiment, hier mit Laserlicht, soll ein „eindeutiges“ Ergebnis haben. Nicht immer ist das der Fall, mitunter...Foto: picture alliance / ZB

Man könnte glauben, dass der Begriff „Interpretation“ in allen Wissenschaften geläufig ist und ein Ergebnis wissenschaftlicher Arbeit bezeichnet: eine wohlbegründete, aber durchaus individuelle „Deutung“ eines Sachverhaltes. Das ist jedoch nicht der Fall. Während Geisteswissenschaftler diese Erklärung wohl als erste Annäherung akzeptieren würden, sieht es in den Naturwissenschaften anders aus. So sagte der Astrophysiker Harald Lesch: „Viele Geisteswissenschaftler beschäftigen sich mit Bereichen, wo die Interpretation einen großen Raum einnimmt. Ich als Astronom kann hingegen sagen: Das sind die Fakten; da gibt es nichts zu interpretieren.“ Hier die Fakten, dort die Interpretation: eine Zweiteilung, die eine lange Geschichte hat.

„Interpretation“ stammt aus dem Lateinischen und bezeichnet eine Tätigkeit, die nur von einem „Interpreten“ ausgeführt werden konnte, beispielsweise die Auslegung des Götterwillens durch die Priester oder die Anwendung der Gesetze durch die Richter. In beiden Fällen ging es nicht um unverbindliche Meinungsäußerungen, sondern um Entscheidungen von großer praktischer Tragweite. Ein Orakel konnte über Krieg oder Frieden, ein Richterspruch über Tod oder Leben entscheiden. Die Römer kannten noch viele andere Interpreten, wie die Göttin Juno, Jupiters Gemahlin, die als Interpretin der Liebessorgen für die Ehe zuständig war.

Eine weitere Funktion der Priester ist als „interpretatio romana“ bekannt. Die Götter tributpflichtiger Völker wurden mit römischen Göttern gleichgesetzt, etwa Zeus mit Jupiter oder Hermes mit Merkur. Dieses Verfahren führte im römischen Reich zu einem ansonsten seltenen Religionsfrieden, weshalb es gerade heute wieder auf großes Interesse stößt.

Eine für die Wissenschaftsgeschichte wichtige Tätigkeit stellte die Interpretation der Natur dar, ihre Beobachtung und Beschreibung, um ihr Verhalten vorherzusagen und sie zu beherrschen. Diese Interpretation war keiner Gruppe zugeordnet, doch sie ging aus von den Betroffenen, wie Seefahrer oder Bauern, deren Erfolg wesentlich von zutreffenden Wettervorhersagen abhing. Interpretation meinte hier also das Verständnis der Naturvorgänge nach deren Gesetzen, die objektive Prognosen ermöglichten.

Das antike Verständnis des Interpretierens unterscheidet sich also deutlich von heutigen Auffassungen: der Interpret vollbringt eine bedeutende Leistung, indem er zwischen verschiedenen, häufig gegensätzlichen Bestrebungen den richtigen Ausgleich schafft, der beide Seiten zufriedenstellt. „Richtig“ meint hier „wahr“. Diese Wahrheit erschloss sich nach antiker Auffassung nicht jedem, obwohl sie für den, der „sehen“ konnte, offen zu Tage lag. Für die Aufgaben des Interpreten war nur der dafür Begabte geeignet.

Für die Wissenschaftsgeschichte ist das Weiterwirken der antiken Tradition von Bedeutung, denn auf zweifache Weise wurde die subjektive Kreativität des Interpretierens zu bändigen versucht. An die Stelle des Götterwillens trat die Heilige Schrift, deren richtige Interpretation von den Theologen in Anspruch genommen wurde. Die Interpretation der Natur wollte gleichfalls einen Weg zur Wahrheit eröffnen, indem der Naturforscher „das große Buch liest, das vor seinen Augen liegt – das Universum“ (Galilei), also dieses „Buch“ in eindeutiges Wissen überträgt, durch vollständige, vorurteilsfreie und nachvollziehbare Anschauung der Natur. Damit diese zwei Wege Zwangsläufigkeit gewannen, mussten sie methodisch erlernbar sein; beide Ansätze führten so zu verschiedenen Ausprägungen von Wissenschaft.

Ihre politische Intention richtete sich auch gegen Standesvorrechte, so wie Luthers Prinzip der „reinen Schrift“ postulierte, dass der wahre Sinn der Bibel sich jedem Gläubigen erschließt, ganz ohne privilegierte Interpreten. Es wurde versucht, die Interpretationen der Theologen und Naturwissenschaftler als verschiedene Aspekte derselben Wahrheit zu beweisen, aber mit geringer Wirkung. In Berlin „bewies“ der Mathematiker Leonhard Euler im Einklang mit der Kirche, dass die Erde rund 6000 Jahre alt sei.

Die Gründung der Berliner Universität 1810 war ein wichtiger Schritt hin zum heutigen Wissenschaftssystem, das sich im Laufe des 19. Jahrhunderts ausbildete. Die Naturwissenschaften, vor allem die Physik, gewannen dabei so große Bedeutung für Technik und Industrie, dass viele die vollständige Beherrschung der Natur zum Greifen nahe sahen. Dementsprechend nahm die Neigung zu ihrer Interpretation ab. Die bloßen Fakten und ihre Verwertung überzeugten, bedurften keiner weiteren Deutung. Die Geisteswissenschaften hingegen entwickelten im Gegenzug die Interpretationskunst als eigene Disziplin, Hermeneutik genannt, die das subjektive Erleben des Menschen aus seinen objektiven Spuren, vor allem aus Texten, methodisch erschließen sollte. Damit gewann das Interpretieren zwar seine alte Freiheit zurück, verlor aber den Anspruch auf Objektivität.

Unterdessen arbeitete die 1887 in Berlin gegründete Physikalisch-Technische Reichsanstalt unter Führung von Hermann von Helmholtz an der Vollendung der Physik. Aus ihren Untersuchungen entstanden aber mit der Allgemeinen Relativitätstheorie und der Quantenmechanik neuartige Theorien.

Sie stellten das bewährte Wissen der Physik radikal infrage, zumindest, wenn es um kleine Abstände und große Geschwindigkeiten ging. Die Phänomene ließen sich mit dem bewährten Begriffsapparat nicht mehr fassen. Damit wurde, trotz einer gewaltigen Fülle von Fakten, eine neue Interpretation der Natur notwendig, die 1925 als Kopenhagener Interpretation der Quantenmechanik nach großen Anstrengungen einen Ausgleich schuf zwischen neu geschaffenen Begriffen und Rechenmethoden und der älteren Sprache der Physik. So konnten die Anhänger der alten und der neuen Begriffswelt versöhnt und die Einheit der Physik gerettet werden.

Der dafür zu entrichtende Preis war das Eingeständnis, dass die vollständige Anschauung der Natur für immer ein Traum bleiben muss, dass wir den Anspruch auf Erkenntnis der Wahrheit eintauschen müssen gegen die überprüfbaren Ergebnisse von Versuchsanordnungen und Auswertungsvorschriften.

Die aus den neuen theoretischen und experimentellen Konzepten hervorgegangene Technologie beherrscht die Welt von heute. Sie verdient nicht nur einen erheblichen Anteil unseres Bruttosozialproduktes, sie schafft auch einen produktiven gemeinsamen Raum für Interpretationen der neu entstehenden Widersprüche in unserem Weltverständnis. Dabei werden die Grenzen zwischen Fachkulturen und Disziplinen durchlässig, kühne Interpretationen folgen einander in rascher Folge, werden aber genauso rasch der Rückbindung an die Erfahrung unterworfen. Man darf deshalb gespannt sein, welche neue Formen der „Streit der Fakultäten“ (Kant) finden wird.

Der Autor ist Mathematiker und Geschäftsführender Direktor des Helmholtz-Zentrums für Kulturtechnik an der Berliner Humboldt-Universität.

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