Wissenschaft und Schuldenbremse : Unis vor dem Abgrund

Macht uns reicher, indem ihr es uns erspart, weiter zu wachsen: Wie die Universitäten trotz Schuldenbremse ihre Führungsrolle behaupten können. Ein Plädoyer.

Josef Pfeilschifter
Masse statt Maß. An einer deutschen Uni kommen im Schnitt 63 Studierende auf einen Professor, an der US-Uni Stanford nur acht. Die Lehre leidet in Deutschland darunter, Größe und Güte einer Universität korrelieren negativ.
Masse statt Maß. An einer deutschen Uni kommen im Schnitt 63 Studierende auf einen Professor, an der US-Uni Stanford nur acht. Die...Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Austerität – das kommt nicht von Austern, Champagner und Geldverprassen, das kommt von dem griechischen "Austerotis", und das heißt Linseneintopf, Entbehrung und Schuldentilgung. Vita austera – das ist frugales Leben im härenen Gewand. Tugendsam. Und die Tugend ward Gesetz – und zwar Artikel 109 Absatz 3 des Grundgesetzes. Darin tritt der Gesetzgeber auf die Schuldenbremse. Ab 2020 ist es den Ländern untersagt, neue Schulden auf sich zu laden. Der Bund darf es zwar noch, aber nur in ganz geringem Umfang.

Es ist wie beim Autorennen, wenn man flott unterwegs ist, muss man schon weit vor der Kurve auf die Bremse steigen, um sie noch zu kriegen. Bei 2020 geht es um die Ecke. Und, wie beim Autorennen, wer später bremst und die Kurve dennoch meistert, der gewinnt.

So donnern also die Universitäten, die Helmholz-Gemeinschaft und all die anderen öffentlich finanzierten Forschungsinstitutionen dem Finanzierungsknick entgegen, noch befeuert von diversen Exzellenz- , Bildungs- und Forschungspakten, aber demnächst wird man gewaltig in die Eisen steigen müssen. Und wer zuletzt bremst, gewinnt. Und wer zu spät bremst, wird sich und seinen Rennwagen als Kernschrott in der Planke wiederfinden. Die Rennleitung liegt bei Bund und Ländern.

Im Windschatten das Kroppzeug der universitären Bastelbuden

Bund und Länder haben es im letzten Jahrzehnt dankenswerterweise nicht versäumt, große Finanzmittel bereitzustellen. Allerdings waren die Aufwüchse mancherorts überproportional. So erfreute sich zum Beispiel die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungseinrichtungen einer jährlichen Steigerung ihres Etats um fünf Prozent und konnte sich noch zusätzlich hunderte Millionen Euro pro Jahr für die Deutschen Gesundheitszentren ins Budget packen. Sie geriet also in die pole position und geriert sich entsprechend seither als leader of the pack, der mit „programmorientierten“ Großforschungsprojekten an der Spitze des Feldes voransaust. Im Windschatten das Kroppzeug der universitären Autobastelbuden. Chancenlos, denn sollte in einem dieser Rennställe mal ein genialer Fahrer oder Forscher auftauchen, wird er abgeworben. An Geld dafür mangelt es nicht. Bei Helmholtz. Wohl aber an den Universitäten.

Mit Karacho in die Kurve – und hindurch oder gegen die Wand. Das ist hier die Frage. Wer bremst wen aus? Wer wird hinter der Kurve die tugendsame Prozession anführen? Wir wissen es nicht. Das macht das Rennen ja so spannend. Aber wir, die Universitätsangehörigen, wären es gerne. Und ihr – der Alma mater und ihrem Führungsanspruch – will ich eine Lanze brechen.

Für den Führungsanspruch der Universitäten in Zeiten der Austerität spricht zunächst, dass sie es schon lange gewohnt sind, in Sack und Asche einherzugehen. Sie haben also Erfahrung.

Die Grundfinanzierung ist seit den Zeiten der Explosion der Studierendenzahlen in den 1970er Jahren alles andere als auskömmlich. Die Betreuungsrelationen sind katastrophal: 63 Studierende teilen sich, laut einer CHE-Untersuchung, einen Professor. Forschung aus Grundfinanzierungsmitteln ist so gut wie nicht mehr machbar, für alles und jedes braucht es Drittmittel. Was übrigens auch bedeutet, dass die Forscher mehr Arbeit in ihre Anträge auf Drittmittel und in Begutachtungsprozesse als in die Forschung selbst stecken.

Die Universitäten sind die Hüter der Flamme

Zugleich aber sind die Universitäten die Hüter der Flamme. Wer, wenn nicht sie, hält die Wissenstradition aufrecht? Wer, wenn nicht sie, gibt sie an die nachfolgende Generation weiter? Wer, wenn nicht sie, macht denn, dass aus Abiturienten hoch qualifizierte Berufstätige und aus manchen auch wieder Forscher und Lehrer werden? Wo soll die Wissenschaftsfreiheit des Artikel 5 des Grundgesetzes denn zu Hause sein? Genau: dort. An den Universitäten, den Herzkammern, dem Herzstück, den Zentren, dem Kern des deutschen Wissenschaftssystems, um nur einige gängige Beschreibungen prominenter Politiker und Wissenschaftsfunktionäre zu zitieren.

Ja, ich weiß: Weder bin ich in der Position zu raten (das macht der Wissenschaftsrat und hat bereits vor Jahren das Defizit der deutschen Hochschulen auf etwa vier Milliarden Euro pro Jahr beziffert), noch wird ungebetener Rat gerne gehört. Aber gehört mag er werden. Die deutschen Universitäten sind dramatisch unterfinanziert. Auch die Fortsetzung der Exzellenzinitiative, die nach dem jüngsten Votum der Imboden-Kommission jetzt endlich Fahrt aufnehmen kann, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein: Nur eben mal vier Prozent der Forschungsmittel der Universitäten und dies nicht einmal dynamisiert, wie es bei den außeruniversitären Einrichtungen selbstverständlich ist.

Den Anschluss an die USA werden wir so nicht finden können

Den Anschluss an die Spitzenuniversitäten in den USA, Großbritannien oder der Schweiz werden wir so nicht finden können. Klar absehbar aber ist, dass wir an die Grenzen des Wachstums gelangen. Wahrscheinlich sogar, mit der aktuellen Flüchtlingsproblematik, schon vor dem endgültigen Tritt auf die Schuldenbremse 2020. Ich rate daher dringlich dazu, den Universitäten eine auskömmliche Grundfinanzierung zu geben, so wie es im Koalitionsvertrag der großen Koalition auch vorgesehen ist.

Jawohl: auf Kosten anderer. Zum Beispiel auf Kosten der außeruniversitären Großforschung. Aber auch auf unsere eigenen. Wir sind viel zu lange schon viel zu groß geworden. Unter dem OECD-Diktat der Akademisierung aller Lebensbereiche wurden wir mit Studierenden überschwemmt. Die Größe und die Güte einer Universität korrelieren – negativ, zumindest im weltweiten Vergleich. Viel stärker korreliert aber der Erfolg mit der Relation von Lehrenden zu Lernenden. In Stanford kommen acht Studierende auf einen Professor. In Deutschland im Schnitt 63. Lehre leidet. Forschung leidet.

Grenzen des Wachstums. Von der Massenuniversität zur Universität in Maßen. Gegen hervorragend ausgebildete Massen ist nichts zu sagen – aber Ausbildung ist Sache von Schulen und Fachhochschulen. Mögen jene wachsen, mit ihren Aufgaben: der Ausbildung. Aber die wissenschaftliche Bildung ist Aufgabe der Universitäten. Und das ist etwas anderes als Ausbildung. Mögen die Fachhochschulen wachsen, aber nicht in den Himmel. Sie sollten den Universitäten, die allein die notwendige Methodik, das Wissen und die Erfahrung besitzen, die Wissenschaft und damit das Promotionsrecht lassen. Man muss den Universitäten also gar nicht so viel mehr Geld geben. Nur eben auch viel weniger Studierende.

Mehr Grundfinanzierung, gezielte Förderung der Spitzenforschung

Ich will keineswegs zurück zur egalitären, vom internen und externen Wettbewerb abgeschotteten Universität vergangener Jahrhunderte. Solide Grundfinanzierung: ja. Aber zugleich Belohnung und Förderung herausragender Vorhaben, sei es von Einzelkämpfern, in Verbünden, in Kooperationen mit außeruniversitären Partnern. So etwas zu fördern ist die DFG da. Man gebe ihr überproportional sehr viel mehr Geld. Denn sie verteilt qualitätsgesichert und wettbewerbsgeleitet an die Forschungsuniversitäten. Eine Erhöhung der Programmpauschalen, wie auch von der Imboden-Kommission angedacht, ist hier genau der richtige Weg, um auch die Problematik der nicht auskömmlichen Grundfinanzierung anzugehen. Hier sind aber vor allem auch die Länder gefordert, ihre Verantwortung und verfassungsgemäße Pflicht für die Hochschulen wahrzunehmen. Diese Kombination aus Aufstockung der Grundfinanzierung und die gezielte Förderung der Spitzenforschung ist die Aufgabe, die Bund und Länder zu schultern haben, bevor ihnen das Greifen der Schuldenbremse diese Zukunftsoptionen verbaut.

Noch sind wir vor der Austeritätsabbiegung, noch kann gebremst und beschleunigt werden, noch sind Erneuerungen von Pakten, Exzellenz- und Forschungsinitiativen verhandelbar. Wir wollen uns nicht nachsagen lassen, wir hätten den Finger nicht gehoben: HIER! Schaut auf diese Institution: Die Universität! Sie ist – nach der katholischen Kirche – der zweitälteste institutionelle Rennstall der Welt, und sie ist noch ganz gut in Schuss.

Macht uns reicher, indem ihr es uns erspart, weiter zu wachsen

Macht uns reicher, indem ihr es uns erspart, weiter zu wachsen. Lernt zu unterscheiden zwischen Maß und Masse. Stellt unsere fragile, frugale Freiheit auf ein solides, grundfinanziertes Fundament. Denn das ist die Basis dessen, was ihr von uns wollt: neues Wissen vor allem. Und die Universität wird euch ein heiterer, preiswerter, flexibler wissenschaftlicher Führer durch die Gefilde der Austerität sein. Denn Vita austera ist eigentlich sogar Vita felix, ein glückliches Leben, sofern man damit den fröhlichen Verzicht auf alles, dessen man nicht bedarf, meint. 2016 ist ein Jahr, in dem wichtige Entscheidungen getroffen werden müssen. Wessen wir bedürfen, haben wir gesagt. Wessen nicht, auch. Die Kurve naht.

- Der Autor ist Professor für Pharmakologie und Toxikologie und Dekan der Medizinischen Fakultät der Goethe-Universität Frankfurt/Main.

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